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Nicole Schmidt

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Gebt der Debatte die Kultur zurück!

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Es ist noch nicht so lange her, dass große Hoffnungen in das Internet gesetzt wurden. Es sollte unsere Gesellschaft zu einer besseren Welt machen. Es sollte das globale Dorf schaffen. Ganz im Schillerschen Sinne sollten alle Menschen Brüder werden, wo der digitale Flügel weilt. Und heute? Schauen wir aufs Internet, reiben uns verdutzt die Augen und stellen fest: Das ist so nicht eingetroffen. Im Gegenteil. Es hat eher den Anschein als würde die digitale Sphäre mehr polarisieren als verbinden à la „Mein Haus, mein Auto, meine Filterblase“. Das Netz läuft Gefahr, zu einer Entfremdungsmaschine zu werden, in der Klischees und Vorurteile bestätigt werden. Was genau bedeutet das für die digitale Debatte, in der sich Leute ernsthaft mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen wollen? Mit der Frage „Macht die digitale Debatte den politischen Diskurs kaputt?“ haben wir dieses Thema in unserer telegraphen-Reihe aufgegriffen und hochkarätig diskutiert.

Moderator Volker Wieprecht, Prof. Barbara Pfetsch, Lars Klingbeil, Falk Steiner (v.l.n.r.).

Moderator Volker Wieprecht, Prof. Barbara Pfetsch, Lars Klingbeil, Falk Steiner (v.l.n.r.).

Es ist ein sehr abgeklärter Blick, den Prof. Barbara Pfetsch von der Freien Universität gleich zu Beginn in die Diskussion einbrachte. „Die digitale Debatte verändert Beziehungen. Die bisherigen Verhältnisse werden gestört, weil jetzt jeder mitreden kann. Dadurch verändert sich die Sprache, es wird politisch unkluger debattiert. Die digitalen Medien produzieren Lärm und Dissonanz. Wir wissen inzwischen, dass die Vernetzung nicht integrativ wirkt“, schätzt sie grundsätzlich ein.

Die Gefahren der Polarisierung sieht auch Lars Klingbeil, Generalsekretär der SPD. Nach seiner Wahrnehmung ist Konsens eher nicht gefragt, das Denken in schwarz-weiß ist vorherrschend. Trotzdem möchte er die digitale Debatte nicht missen. „Als es noch keine Handies gab, hatten wir auch keine Debattenkultur in Reinform. Und ich finde es wichtig, dass es heute auch Kommunikationswege gibt, die allen Menschen offenstehen. Das ist eine großartige Chance. Man ist nicht mehr darauf angewiesen, dass ein Redakteur ein Thema gut findet. Denn es gibt Kanäle, eigene Themen nach vorn zu bringen. Deswegen finde ich: Auf der Positivseite steht mehr als auf der Negativseite.“

Der Journalist Falk Steiner betont die teils missbräuchliche Nutzung der digitalen Medien für Kampagnen und populistische Grenzauslotungen. „Masse erzeugt Relevanz. Damit lassen sich in den digitalen Medien Kampagnen steuern. Mittlerweile gibt es die Medientaktik, den Stein ganz weit zu werfen, zu schauen wo er landet, und im Zweifel wieder etwas zurück zu rudern.“ Der Populismus hat es sehr schnell verstanden, digitale Medien zu eigenen Zwecken zu nutzen. Trotzdem schätzt er auch die andere Seite der digitalen Medien, die tiefgreifende Expertise bietet. „Man hat teilweise Debatten, die sind großartig. Das ist toll, da entsteht Wissen.“

Ein interessanter Diskussionspunkt ist die Rezeption von Nachrichten beziehungsweise dem, was von vielen Nutzern in den digitalen Medien als Nachrichten wahrgenommen wird. Prof. Pfetsch verweist darauf, dass nicht mehr sortiert wird, was wahr und was falsch ist. Dabei erinnert sich Lars Klingbeil daran, wie in seiner Jugend gemeinsam mit den Eltern Nachrichten geschaut wurden. „Heute gibt es aber völlig parallele Welten. Die jungen Menschen reden nicht mehr mit ihren Eltern über das, was sie sehen. Es wird ihnen nicht eingeordnet.“

Der Grundton der Debatte wechselt beständig zwischen Moll und Dur. Was sich auch an den abschließenden Worten von Barbara Pfetsch und Lars Klingbeil ablesen lässt. „Die klassischen Medien sind unter Druck. Im Journalismus selbst verändern sich viele Rollen. Und das nicht zum Besten“, findet Prof. Pfetsch. „Die digitale Debatte ist eine Chance! Wer hätte sich denn früher an einen Politiker gewandt? Vielleicht ein Verbandschef, vielleicht ein Gewerkschaftsfunktionär. Heute kann das jeder auf ganz einfachen Wegen“, resümiert Lars Klingbeil.

Debatte verpasst? Kein Problem – die komplette Diskussion der telegraphen_lounge lässt sich in unserem aufgezeichneten Livestream nachverfolgen. Und auch eine der nächsten Ausgaben unserer Netzgeschichten widmet sich noch einmal dem Thema.

Über die telegraphen_
Die Digitalisierung verändert die Welt und damit auch die Deutsche Telekom. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sehen sich komplett neuen Fragen gegenüber und die Antworten darauf müssen erst noch gefunden werden. Bei den telegraphen_ wollen wir mit allen Beteiligten über diese Veränderungen on- und offline diskutieren und hören, wie andere damit umgehen. Wir sehen uns dabei als freie Meinungsplattform und laden alle Interessierten zum Mitgestalten ein.

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