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François Fleutiaux

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Fahrzeug-Daten sind profitabler als das Auto selbst

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Ein Artikel von Francois Fleutiaux, Leiter der IT Division von T-Systems.

François Fleutiaux

Francois Fleutiaux, Leiter der IT Division von T-Systems.

Schon heute sind Autos rollende Rechenzentren: Bis zu 100 Sensoren messen permanent die Geschwindigkeit, Motortemperatur, Bremsvorgänge und vieles mehr. So erzeugt ein modernes Fahrzeug rund 25 Gigabyte an Daten – jede Stunde! Und das selbstfahrende Auto wird diesen Wert locker toppen. Experten rechnen mit bis zu 3.600 Gigabyte pro Stunde.

Doch Auto-Daten entstehen nicht nur während der Fahrt, sondern an allen Stellen der Wertschöpfungskette ganz von alleine: Das beginnt beim Design und der Entwicklung, geht über die Produktion, den Verkauf und Betrieb des Fahrzeugs bis hin zur Wartung und Reparatur. Und in einem Punkt sind sich die Experten einig: Unternehmen, denen es gelingt, diese bereits vorhandenen Daten zu sammeln, intelligent zu verknüpfen und auszuwerten, werden zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören. Denn sie können unzählige Prozesse effizienter gestalten und völlig neue Dienste anbieten, die zusätzliche Erlösquellen versprechen.

Hier drei Beispiele, um es konkret zu machen:

  1. Vorausschauende Wartung in der Fahrzeugproduktion: Bis 2019 sollen laut International Federation of Robotics 2,6 Millionen Industrieroboter weltweit im Einsatz sein. Besonders beliebt sind die autonomen Helfer in der Autoindustrie. Hier setzen hunderttausende Roboter schon heute rund um die Uhr Schweißpunkte an Karosserien. Rund 6.000 solcher Punkte hat ein typischer Mittelklassewagen. Fällt nun ein Schweißroboter aus – etwa durch den Verschleiß von Schweißkappen und eine anschließende Überhitzung –, kann das die komplette Fertigungsstraße zum Erliegen bringen. In so einem Fall drohen finanzielle Schäden im fünf- bis sechsstelligen Bereich! Wir als T-Systems werten vorhandene Messwert- und Stromfehlerprotokolle aus und prognostizieren, wann ein Roboter ausfallen wird – und das sechs Tage im Voraus! Predictive Maintenance at its best! Wartungen werden planbar und maximal effizient, Produktionsausfälle vermieden. Bei einem großen deutschen Autobauer setzen wir dieses System bereits erfolgreich ein.
  2. „Pay-as-you-drive“-Tarife in der Auto-Versicherung: Bereits etliche Kfz-Versicherer werten das Fahrverhalten von Autobesitzern aus und belohnen umsichtiges Fahren mit Rabatten. Eine spezielle Blackbox oder eine Smartphone-App erfassen Geschwindigkeit, Beschleunigung, Brems- und Kurvenverhalten. Anschließend werden die Daten an die Versicherung übermittelt. Wenn Ende März das automatische Notrufsystem „eCall“ für neue EU-Fahrzeuge verpflichtend wird, sind zusätzliche Geräte in diesen Fahrzeugen theoretisch überflüssig. Das Fahrzeug erfasst bereits die notwendigen Fahrdaten. Mit Hilfe der fest installierten SIM-Karte könnten die Daten problemlos übertragen werden, sofern die rechtlichen Aspekte geklärt sind. Versicherer und Autohersteller arbeiten daran, unter welchen rechtlichen Voraussetzungen der Hersteller Informationen an den Versicherer geben darf.
  3. Intelligente Ampeln erkennen Rettungswagen: Viele Ampeln erfassen bereits über Kameras den Verkehrsfluss und steuern die Rot-Grün-Phasen an Straßenkreuzungen. Milton Keynes geht einen Schritt weiter. Die Großstadt rund 80 Kilometer nordwestlich von London will ab September seine Ampeln noch smarter machen: 2.500 Ampeln erhalten nicht nur Kameras, sondern auch Künstliche Intelligenz, die etwa Krankenwagen im Einsatz erkennt und die Ampeln entsprechend schaltet. Dafür investiert die Stadt gut drei Millionen Pfund in diese Zukunftstechnologie.

Die Enabler des Datengeschäfts: Vernetzung, Speicher und intelligente Software

Was braucht es also, um diesen riesigen Datenschatz auf unseren Straßen zu heben? Vor allem drei Dinge: Vernetzung, Speicherplatz und intelligente Software. Gartner sagt voraus, dass 2020 schon jedes fünfte Auto vernetzt sein wird. Das wären dann 250 Millionen Connected Cars weltweit. Getrieben wird diese Entwicklung auch von der verpflichtenden Installation des automatischen Notrufsystems „eCall“ ab 31. März 2018. Ab diesem Datum läuft jeder Neuwagen in der EU mit einer SIM-Karte vom Band. Auch die Mobilfunktechnik 5G steht schon in den Startlöchern. Spätestens ab 2020 soll der LTE-Nachfolger verfügbar sein. 5G bietet besonders hohe Bandbreiten und geringe Latenzzeiten – beides Voraussetzung für den schnellen Datenaustausch etwa zwischen fahrenden Autos.

Für intelligente Parkraumverwaltung und viele weitere Anwendungen ist eine andere Technologie prädestiniert: NarrowBand-IoT. Das ist ein Low Power Wide Area Network, das nicht nur batteriebetriebenen Sensoren lange Lebensdauer verleiht, sondern auch noch besonders gut durch Gebäude wie Parkhäuser oder Tiefgaragen dringt, um etwa Autofahrern freie Parkplätze zu signalisieren.

Neben der Connectivity braucht es auch viel Speicherplatz zu möglichst geringen Kosten: Und diese sinken beständig. Auf Knopfdruck zieht heute jedes beliebige Datenvolumen in die Cloud um. Speicherplatz ist inzwischen so günstig geworden, dass die ersten so genannten „Data Lakes“ entstehen. Was meine ich damit? Unstrukturierte Daten werden gespeichert, ohne zunächst den genauen Verwendungszweck zu kennen. Intelligente Software soll später daraus nützliche Erkenntnisse ziehen.

Auch die Software selbst wird immer leistungsfähiger und fängt sogar an, selbst zu lernen. Laut McKinsey werden KI-Lösungen bis 2025 allein in der Automobilbranche die Rendite um bis zu neun Prozentpunkte steigern. Das größte Potenzial liegt dabei in der Produktion und im Einkauf.

Datengeschäft drei Mal profitabler als Autobau

Die wichtigste Ressource für Unternehmen ist jedoch die Kreativität, aus vorhandenen Daten neue Dienste und damit Erlösquellen zu entwickeln. Die neuen Geschäftsmodelle liegen förmlich auf der Straße. Deshalb ist meine These: Mit Fahrzeug-Daten lässt sich künftig mehr Geld verdienen als mit den Autos selbst! Folgende Zahlen deuten darauf hin: So liegt die Gewinnmarge von Autoherstellern meist unter zehn Prozent. Datenveredler hingegen – wie etwa ein Schweizer Sportstatistik-Anbieter – erwirtschaften nach eigenen Angaben eine Marge von 30 Prozent.

Fragt sich nur, wer von dem Datenschatz profitieren wird. Denn um die kommerzielle Nutzung der Fahrzeugdaten ist ein harter Wettbewerb entstanden: Autobauer, Zulieferer und Start-ups wittern neue Geschäftsmodelle. Und die Konkurrenz kommt auch aus anderen Branchen. Apple, Google & Co. – die großen Internetfirmen haben die Automobilbranche längst für sich entdeckt. Das Know-how und nötige Kleingeld bringen sie allemal mit. Seit Jahren belegen sie die ersten Plätze in der Liste der wertvollsten Unternehmen weltweit. Erst auf Platz acht kommt in der aktuellen Forbes-Liste der erste Autokonzern. Der Wettbewerb um die Datenhoheit im Pkw ist somit eröffnet.

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