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Reinhard Clemens

Ein Rezept gegen „Digital Angst“

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Ein Beitrag von Reinhard Clemens, von 2007 bis 2017 Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, CEO T-Systems.

Reinhard Clemens, von 2007 bis 2017 Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, CEO T-Systems.

Reinhard Clemens, von 2007 bis 2017 Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, CEO T-Systems.

Als Experte für Digitalisierung schaue ich auf die Chancen der Vernetzung. Das liegt in der Natur der Sache. Doch mir ist sehr bewusst: wo Licht, da auch Schatten. Ganz aktuell treibt ein Erpressungstrojaner sein Unwesen. Das verunsichert. Menschen wie Unternehmen. Viele sehen in der Digitalisierung nicht nur eine Plattform für Hacker und Cyber-Kriminelle, sondern auch einen Job-Killer und eine Gefahr für die unternehmerische Zukunft. Wer nicht digitalisiert, der stirbt. Der Druck steigt. Da kann sich schon mal Angst breit machen. „Digital Angst“ heißt das Phänomen in Neuhochdeutsch. Mein Rezept dagegen: eine smarte Digitalisierung mit Augenmaß.

Technik fasziniert mich. Schon immer. Zum Beispiel, wenn ich – wie vor einigen Wochen – all die digitalen Innovationen auf der Hannover Messe sehe. Kein Wunder, dass ich Ingenieur geworden bin. Kein Wunder, dass mich die Digitalisierung seit Jahren umtreibt. Privat und beruflich. Als Telekom-Vorstand für Geschäftskunden habe ich die Chance, die Digitalisierung unserer Gesellschaft mit zu gestalten. Mit einem gewissen Erfolg: Egal, ob es um die Cloud, Big Data, Internet der Dinge oder Industrie 4.0 geht – schon jetzt nutzen viele unserer Kunden die digitalen Lösungen in ihrem Alltag. Ganz selbstverständlich. So, wie sie es schon lange mit Word und Excel machen. Kurz: Ich bin Digitalisierungsoptimist. Einerseits. Autonome Systeme, VR und AR, künstliche Intelligenz und Robotik haben das Potenzial, Unternehmen und ihren Mitarbeitern große Chancen zu eröffnen. Anderseits: Ich weiß auch, dass Digitalisierung viel mehr umfasst als den Kosmos, den ich als Technologie-Experte überschaue. Digitalisierung ist mehr als Algorithmen, Bits & Bytes, Sensoren und Aktoren. Digitalisierung greift tiefer denn je ein. In die Art wie wir arbeiten. In die Art wie wir denken. Und in die Art wie wir leben. Es geht um ganz neue Fragen: Welche Roboterethik brauchen wir, um mit Robotern zu interagieren?  Welche rechtlichen Rahmenbedingungen setzen wir fürs autonome Fahren? Wie vertragen sich Freiheit und künstliche Intelligenz?

Genau diese Fragen müssen wir klären. Und zwar möglichst kurzfristig. Das klappt aber nur, wenn wir uns jetzt und heute mit etwas viel Fundamentalerem beschäftigen: der Digital Angst. Denn: Die Digitalisierung ist nicht nur Möglichmacher, sondern für viele vor allem ein Angstmacher. Wir Ingenieure und IT-Experten müssen akzeptieren, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 keine Selbstläufer sind – sondern erklärungsbedürftige Entwicklungen. Wie schon Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Eröffnungsrede bei der CeBIT gesagt hat: Vom digitalen Wandel Verunsicherte sollten wir nicht vernachlässigen, es geht um „Millionen von Menschen, die zum Teil noch nicht wissen, was sie erwartet.“ Oder drastischer: In unserem Land löst die Digital Angst ihre Schwester German Angst gerade ab.

Alarmismus macht Angst

Auslöser für die Digital Angst gibt es viele – eine schnelle Internet-Suche nach dem Stichwort „Digitalisierung“ zeigt zum Beispiel: Laut einer jüngst veröffentlichten Prognose von McKinsey könnten in Deutschland mehr als 20 Millionen Jobs automatisiert werden. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney mutmaßt sogar, dass in 20 Jahren fast die Hälfte der heutigen Arbeitsstellen in Deutschland durch Roboter ersetzt werden könnten. Dass solche Prognosen ungefähr so valide sind wie die Weissagung, 2017 endlich mal wieder weiße Weihnachten zu haben – geschenkt. Dass nicht nur Jobs wegfallen, sondern auch neue entstehen – ebenso. Fakt ist: Je mehr Prognosen dieser Art kursieren, desto stärker fragen sich Menschen, wo künftig ihr Platz sein wird, wenn die Wertschöpfung immer häufiger über täglich klüger werdende Roboter und Maschinen läuft. Ohne Urlaubsanspruch. Und ohne den Wunsch nach Feierabend. Und das über alle Gesellschaftsschichten verteilt – finden sich doch sogar hoch gebildete Uni-Dozenten im Wettbewerb mit Maschinen wie „Jill Watson" wieder, einer künstlichen Lehrassistentin auf Basis des Supercomputers Watson. Selbst an der Börse hat der personelle Exodus schon eingesetzt: Die Investmentbank Goldman Sachs schickt statt einst 600 nur noch zwei Aktienhändler aufs Parkett. Algorithmen erledigen mittlerweile die Arbeit der restlichen 598.

Verlieren wir an Souveränität?

Nicht nur die Furcht um den Job, auch Big Data schürt die Digital Angst. Denn: Was geschieht eigentlich mit all den Daten, die heute erhoben werden? An einem Tag sind das immerhin so viele wie im kompletten Jahr 2000. Informationen, die etwa einem Patienten in der Krankenversicherung den günstigeren Tarif verwehren, weil der Cholesterinspiegel seit Jahren zu hoch ist. Oder der Versicherte nicht auf die täglich empfohlenen 10.000 Schritte für ein gesundes Leben kommt. Informationen, die potentielle Arbeitgeber vor einer Einladung zum Vorstellungsgespräch zurückschrecken lassen. Das gefällt niemandem. Denn diese Daten helfen uns nicht, sondern drehen uns einen digitalen Strick.  

Eine neue Studie der Körber-Stiftung zeigt sogar: Nur jeder Zweite mit Abitur und nur jeder Vierte mit Hauptschulabschluss sieht für sich selbst Chancen in der Digitalisierung. Klar: Als Taxi- oder Brummi-Fahrer etwa könnte ich von selbst fahrenden Robo-Taxen genauso wenig abgewinnen wie der Aussicht, dass vernetzte und autonome LKW langfristig unsere Verkehrsprobleme lösen. Ganz einfach, weil ich Angst um meinen Job hätte. Und dazu noch eine gehörige Portion Wut im Bauch. So wie all die Berufsfahrer zwischen Hamburg und Kalifornien, die zuletzt mit blockierten Straßen, brennenden Reifen und umgestürzten Autos gegen neue digitale Konkurrenten wie Uber protestierten. Was wir gerne als fortschrittsfeindliche Folklore und kurzsichtige, ewig gestrige Attitüde abtun. Natürlich.

Horrorszenarien als Botschaft

Aber genauso falsch ist es Mittelständlern mantraartig den Sprint in die Digitalisierung vorzubeten – weil er sonst bald weg vom Fenster sei. Unternehmen haben ja längst damit begonnen, sich zu transformieren, wie unser „Digitalisierungsindex Mittelstand“ gezeigt hat. Es gibt sogar Anzeichen, dass Digitalisierung die Produktion in Deutschland wieder lukrativ macht, wo jahrzehntlang alles nach Fernost abwanderte. Zugegeben: Am Ziel sind viele längst nicht – aber muss man ihnen das täglich unter die Nase reiben und die Digital Angst mit Untergangsszenarien schüren? Ich finde nicht. Denn das ist genau so schlau wie einem kleinen Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtet, noch schnell eine Geistergeschichte zu erzählen. Im Gegenteil: Ich muss die Angst des kleinen Kindes ernst nehmen statt sie zu verschlimmern. Genauso wie die Angst des Unternehmers vor dem Digitalen.

Digitalisierung ist keine neue Heilslehre

Was also machen wir gegen die Digital Angst?

 

  • Digitalisierung entmystifizieren
    Digitalisierung ist kein Heilsversprechen, das uns automatisch zu einer besseren Welt führt. Digitalisierung stellt Werkzeuge und Methoden bereit, mit denen Unternehmen wirtschaftlicher arbeiten können. Und es ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Aber: Die unternehmerische Idee kommt immer noch von uns Menschen.
  • Digitalisierung portionieren
    Kleine Schritte helfen uns, uns Stück für Stück an neues zu gewöhnen. Vielleicht kennen Sie das von den agilen Methoden bei der Softwareentwicklung: Das Erfolgsgeheimnis von Scrum und Co. liegt gerade im Unterteilen der Aufgabe in Abschnitte, so genannte Sprints. Und in der schrittweisen Annäherung ans Ziel, die sich flexibel an neue Entwicklungen anpassen lässt.
  • Weg vom Hurra- hin zum Real-Digitalismus
    Viele selbst ernannte Digital-Evangelisten glauben, dass schon die Zahlen für sich sprächen: Laut Bitkom wächst allein in Deutschland die Wertschöpfung dank der Digitalisierung bis 2025 um 78 Milliarden Euro. Und wer hat nicht schon gehört, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werden wird. Aber: Diesen Hurra-Digitalismus brauchen wir genauso wenig wie die ewige Schwarzmalerei der Berufspessimisten. Besser wäre dieses Motto: „Alles, was sinnvoll digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert.“ Wir müssen Unternehmen und ihren Ökosystemen zugestehen, ihr eigenes Digitalisierungstempo einzuschlagen. Der eine schneller, der andere langsamer. Das kann für den Digital-Starter eine SEO-optimierte Webseite sein, für den Digital-Profi eine IoT-Lösung für seine Logistik und für den Visionär eine ganz neue digitale Geschäftsidee.
  • Risiken und Nebenwirkungen benennen
    Es reicht nicht aus, nur die Funktionen und Möglichkeiten neuer Technologie zu beschreiben. Wir brauchen den Beipackzettel zur Digitalisierung. So, wie wir es von Medikamenten gewöhnt sind, dürfen wir auch die digitalen Risiken und Nebenwirkungen nicht aus den Augen verlieren. Müssen akzeptieren, dass Digitalisierung nicht nur immer automatisch alles besser macht. Dass man zum Beispiel Airbnb als frechen, sympathischen Regelbrecher sehen kann, der das Reisen für viele Menschen billiger und spannender macht. Oder als Tou­ris­mus-Rie­sen, der Stadt­tei­le ver­än­dert. Wir müssen Risiken und Nebenwirkungen erkennen, um gute Entscheidungen zu treffen und die Entwicklung steuern anstatt bloß noch gesteuert zu werden.
  • Digitalen Diskurs anstoßen
    Ob Politik, Verbände oder Unternehmen wie die Deutsche Telekom: Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir unsere Digitalisierungs-Ängste überwinden können. Denn wer den Fortschritt vorantreibt, muss Verantwortung übernehmen. Aber wer kann denn schon vollständig absehen, wer wie von der Digitalisierung betroffen sein wird. Kurz: Digitalisierung braucht einen sehr breiten Diskurs. Nicht als weitere Sonntagsrede der Spezialisten. Gerade der nächste Schritt, die Künstliche Intelligenz bedeutet nochmals einen Quantensprung im Rahmen der digitalen Entwicklung, den die Mehrheit der Menschen nicht mehr ohne Weiteres versteht oder auch nur verstehen will. Klassische Aufklärung griffe hier als Mittel zur Akzeptanz zu kurz. Was wir also heute und künftig brauchen, ist ein disziplinen- und hierarchieübergreifenden Austausch. Warum? Weil sich ohne einen solchen internen Kompass – ohne Diskussion auf Augenhöhe – die Digitalisierung nicht als dauerhaft wirksame Kraft in Gesellschaft und Wirtschaft etablieren lässt. Wenn wir diese Transformation nicht aktiv begleiten, sind Ängste und Widerstände programmiert. Und das ist schlecht. Nicht nur im Superwahljahr. Denn Digitalisierung, Big Data oder Industrie 4.0 werden nur dann zu einem dauerhaften Erfolgsmodell, wenn wir möglichst viele Menschen von ihren mittel- und langfristigen Vorteilen überzeugen. Dafür brauchen wir eine Plattform, über die Informatiker, Ingenieure, Philosophen, Wirtschaftsfachleute, Ethiker, Historiker, Unternehmer und Politiker ins Gespräch kommen. Um die zentralen Fragen der Transformation zu diskutieren: Wie können wir durch Industrie 4.0 Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen steigern? Wie können wir das Risiko minimieren, dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft mittelfristig in zwei auf Dauer unversöhnliche Lager spaltet? Und vor allem: Wie begegnen wir der Digital Angst?
  • Digitalen Kodex entwickeln
    Aus den Antworten auf diese Fragen müssen wir einen digitalen Kodex entwickeln – also die Leitplanken, in denen sich Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft sicher bewegen. Leitplanken, die die Basis für einen souveränen Umgang mit der Digitalisierung legen. Denn eine Abkehr von der Digital Angst und eine umfassende gesellschaftlichen Akzeptanz der Digitalisierung erreichen wir nur mit Glaubwürdigkeit und Offenheit.

    Der Blick zurück zeigt, dass so eine Idee keine Utopie bleiben muss: Noch bevor Roboter wie Pepper und seine maschinellen Brüder und Schwestern aufgetaucht sind, gab es 2004 in San Remo ein erstes internationales Symposion zur Roboterethik. Mit „Roboethics“ hat Roboter-Experte Gianmarco Veruggio schon damals den Rahmen definiert, in dem Mensch und Maschine künftig zusammenleben sollten. Ähnlich wie Science-Fiction-Autor Sir Isaac Asimov, der bereits 1942 seine Robotergesetze formuliert hat. Weil er lange vor dem Aufkommen dieser neuen Technologien erkannt hatte, dass wir dafür eine neue Ethik brauchen.

Angst als Antrieb

All diese Beispiele zeigen: Digital Angst ist keine unüberwindbare Hürde. Nicht für mich, nicht für Sie. Sondern echter Antrieb für die digitale Transformation. Glauben Sie, wir Deutschen hätten heute eines der strengsten Datenschutzgesetze weltweit, wenn wir nicht solche Bedenkenträger wären? Dass sich deutsche Anbieter – zum Beispiel in der Cloudtechnologie – beim Thema „Sicherheit“ eine herausragende Stellung erarbeitet haben, liegt an unseren smarten Sicherheits-Experten. Und an unserer Digital Angst. Warum? Weil unsere Angewohnheit, vieles zu hinterfragen, etwas Gutes hat. Vorausgesetzt, wir überwinden unsere Furcht. Und verwandeln sie in Mut, Lösungen zu entwickeln, mit denen wir gut leben und arbeiten können. „Wenn die Menschen Angst vor dem Fortschritt haben, statt sich zu freuen, bekommen wir ein richtiges Problem“, hat schon Bill Gates gesagt. Also tun wir was gegen die Digitale Angst. Ehe sie etwas mit uns tut.

Wie groß ist Ihre Digitale Angst? Erleben Sie Digital Angst bei Ihren Kunden, Geschäftspartnern, Mitarbeitern? Welche Befürchtungen, welche Hoffnungen tauchen da auf? Teilen Sie Ihre Gedanken mit mir. Ich freue mich auf die Diskussion!

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Digitale Verantwortung

Experten diskutieren über die Zukunft der Digitalisierung.

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