Vier Fragen an Claudia Nemat, Vorstandsmitglied Technologie und Innovation, zu künstlicher Intelligenz

  • Teilen
    2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie können Ihre Empfehlung senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte übertragen.
  • Drucken
  • Text vorlesen

Wo steht Europa gegenüber den Amerikanern und Chinesen bei künstlicher Intelligenz? Brauchen wir einen gemäßigteren oder einen strengeren Datenschutz? Diese und andere Fragen beantwortet Frau Claudia Nemat, Vorstand Technik und Innovation, in einem Interview.

Claudia Nemat, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, Technologie und Innovation

Claudia Nemat, Vorstandsmitglied Technologie & Innovation der Deutschen Telekom AG

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein viel besprochenes Thema, aber das ist doch noch ein langer Weg dahin, oder?

KI-Entwicklung findet nicht mehr nur in Spitzenforschungslaboren spezialisierter Institute, wie bei Google oder IBM, statt. Es geht schon längst um Anwendungen in der realen Welt mit echten Daten. Durch die Kombination von Rechenleistung und Datenmengen wurde KI schnell immer besser darin, Sprachen und Texte zu verstehen, Gesichter zu erkennen, Schach und Go zu spielen, Hautgewebe nach Tumoren zu untersuchen oder auch die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls einzuschätzen. Zugegeben, dabei handelt es sich noch um eine schwache KI. In einem bestimmten Kontext, erkennt sie Muster aus Daten und leitet daraus Voraussagen für die Zukunft ab.

Doch selbst diese schwache KI liefert schon nützliche Lösungen wie „predictive maintanance“ im B2B-Bereich. Dank vernetzter Sensoren können beginnende Schäden beispielsweise an Aufzügen, Brücken oder Waschmaschinen frühzeitig erkannt werden. So kann der Techniker eingreifen, bevor ein schwerwiegender Defekt auftritt.

Die Fähigkeiten von KI werden in den nächsten Jahren weiter rasant zunehmen. Ein Beispiel: 18 Monate nach AlphaGos Sieg über den besten menschlichen Spieler hatte Google AlphaGo Zero erschaffen, eine neue Version einer Go spielenden KI. Diese musste nicht mehr mit alten Spielen gefüttert zu werden, sondern lernte, indem er gegen sich selbst spielte. Nach drei Tagen und 4,9 Millionen Partien besiegte AlphaGo Zero seinen Vorgänger in 100 Spielen mit 100 zu Null. Beeindruckend! Doch es braucht eine verantwortungsvolle Gestaltung der KI. Keine andere Technologie spiegelt seine Entwickler stärker als KI. Es hängt also vom Menschen ab, wohin die Reise geht. Meiner Überzeugung nach wird das weder Dystopie noch der heilige Gral, sondern etwas dazwischen.

Aber wir haben doch noch nicht einmal ein 5G-Netz, wie soll da KI funktionieren?

Die Entwicklung verläuft parallel, nicht nacheinander. Da es heute bereits viele KI-Anwendungen gibt, kann das künftige 5G-Netz nicht die Basis für KI sein. Weder in Deutschland noch andernorts. Aber so wie die Anwendungsfelder von KI wachsen, muss auch das Netz wachsen. Es braucht den Einsatz des 5G-Standards. Aus dem künftigen Zusammenspiel beider Bereiche wird dann ein Schuh. Der dritte im Bunde ist die Cloud-Technologie. 5G wird da eine entscheidende Rolle spielen, wo es auf die Bewältigung noch viel größerer Datenströme ankommt.

Und wo es auf geringe garantierte Latenzen ankommt. Beispiel: Die Fernsteuerung von autonomen Robotern oder Fahrzeugen auf Firmengeländen, Flughäfen oder Häfen. Übrigens ist 5G keine zwingende Voraussetzung für autonomes Fahren: Grundsätzliche Sicherheitsfunktionen wie das Abbremsen vor einem Fußgänger müssen vom Auto aus gesteuert werden, nicht aus dem Netz. Allerdings kann 5G assistiertes oder vollständig autonomes Fahren unterstützen, zum Beispiel durch verbesserte Verkehrssteuerung mit digitalen Karten und Verkehrsinformationen in Echtzeit, das sogenannte „Dynamic Mapping“.

Wie können wir in Deutschland und der EU uns gegen USA/China behaupten?

Eine zielgerichtete Industrie- und Forschungspolitik kann die Entwicklung und Einsatz von KI beschleunigen und Fehlentwicklungen vermeiden. Die Chance, ein europäisches Gegengewicht zu China und den USA aufzubauen, ist noch da. Wir sollten sie, im Einklang mit unserem freiheitlich, demokratischen Wertesystem, engagiert nutzen. Denn für die Entwicklung von KI, die dem Menschen dient, kann Europas digitale Ethik ein Wettbewerbsvorteil werden. Freiheit, Selbstbestimmtheit und Transparenz, aber auch Werte wie Respekt, Toleranz und Wertschätzung sollten nicht nur in der analogen Welt, sondern genauso in der digitalen Welt Geltung haben. Sie bilden die Basis des Vertrauens unserer Kunden in uns und unsere Produkte und Dienste. Dafür müssen wir in Deutschland eine mutige, offene Diskussion führen und investieren. Und unsere Entscheidungsträger dürfen die technologischen Entwicklungen nicht verschlafen, müssen sie ernst nehmen und verstehen.

Chinesische und amerikanische Internet-Riesen können auf immense Datenberge frei zugreifen. Ist da unser hoher Datenschutz nicht eher Fluch statt Segen?

Die Abwesenheit jeglichen persönlichen Datenschutzes ist derzeit der eingeschlagene Weg Chinas. Aber: Datenschutz ist meiner Meinung nach eine notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Akzeptanz des Themas KI in Europa – und langfristig möglicherweise sogar ein Wettbewerbsvorteil.

Daten sind dabei nicht gleich Daten. Geht es um sensible persönliche Daten wie beispielsweise die Diagnose eines Patienten, dann müssen hier ganz hohe Standards beim Datenschutz gelten. Davon dürfen wir nicht abrücken. Geht es hingegen um allgemeine Daten, bei denen nicht auf einzelne Person zurückgeschlossen werden kann, dann stellen diese einen wertvollen Schatz für Innovationen dar, den dürfen wir nicht ungenutzt lassen.

Nehmen wir zum Beispiel Chinas Umgang mit Technologie, der demokratische Prinzipien weitestgehend ignoriert. Das ist nicht unser europäischer Weg. Vielleicht der leichtere, aber sicher nicht der demokratischere Weg. Das heißt nicht, dass wir in Europa alles besser wissen. Im Gegenteil - wir sollten genau verstehen, welche Technologie auf der Welt für was genutzt wird – und dann unseren eigenen Weg definieren und umsetzen.

Denken Sie daran, was zum Beispiel in einer smarten City durch die Kombination von intelligenten Algorithmen, Sensoren, Daten und Kommunikationsnetzen möglich wird.

Letzten Endes wird der entscheidende Punkt sein, wem unsere individuellen Verhaltens-, oder Gesundheitsdaten gehören (meines Erachtens uns, und nicht dem Staat oder auch nicht dominanten globalen Technologiekonzernen) und wem wir sie für was zur Verfügung stellen: Beispielsweise unsere Sprachgewohnheiten bei der Unterhaltung mit Smart Speakern, um die Qualität des Smart Speakers zu verbessern und auf uns anzupassen. Aber nicht, um diese Daten ohne unsere Zustimmung an Dritte zu verkaufen, damit diese zum Beispiel unser Wahlverhalten manipulieren können. Oder beispielsweise unsere Gesundheitsdaten, um mögliche Epidemien zu bekämpfen, aber eben nicht, um auf dieser Basis von der gesundheitlichen Versorgung ausgeschlossen zu werden.

Diese Beispiele zeigen, dass es in erster Linie nicht um die Regulierung von Technologien, sondern um die Ächtung von bestimmten „Geschäftsmodellen“ und staatlichen Eingriffen geht.

Auf dieser Basis muss der Austausch von Daten von Wirtschaft und auch Staat über sichere Datenpools möglich sein. Denn auch in Deutschland besitzen wir große Mengen an Daten. Nur nutzen wir sie bisher nicht umfangreich genug. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und in ihrer KI-Strategie als wichtigen Punkt benannt.

Symbolfoto KI

Künstliche Intelligenz - Alles gut, oder was?

Optimisten hoffen, dass KI alle Probleme löst. Pessimisten fürchten, dass KI die Macht übernimmt. Wer hat Recht?

FAQ

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Durch die Nutzung der Website {js_accept}akzeptieren{js_accept} Sie die Verwendung von Cookies. Weitere Informationen finden Sie hier.