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Interview mit Tom Hillenbrand, Autor

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Hillenbrand

Herr Hillenbrand, der Mensch sieht sich häufig als Krone der Schöpfung. Wenn wir aber heute in die Welt schauen, dann herrscht vielerorts Krieg, Hunger und Vertreibung. Wäre es da nicht vielleicht schlauer, bei wichtigen Entscheidungen einem Algorithmus zu vertrauen, der vorurteilsfrei und, ohne an einen eigenen Vorteil zu denken, Entscheidungen trifft?

Tom Hillenbrand: Ja und nein. Ich würde sagen, dass diese Daten, die wir generieren können, mit Sensoren, mit Drohnen und auf andere Weise, tatsächlich sehr wertvoll sind. Wenn wir die Welt besser machen wollen, dann brauchen wir quantifizierbare Daten; das ist völlig richtig. Was man sich aber, glaube ich, immer klarmachen muss: Diese Algorithmen sind ja von Menschen gemacht worden. Und wie die dann letztlich die Entscheidung treffen und die Sachen einordnen, das basiert wiederum auf menschlichen Annahmen, und wenn die falsch sind, dann würde auch der Algorithmus Amok laufen. Also, wahrscheinlich müssen wir uns leider selber retten.

In ihrem Roman ist das technisch Mögliche zulässig und auch gesellschaftlich und politisch akzeptiert. Glauben Sie, dass es zukünftig so sein wird, dass alles, was technisch möglich ist, auch irgendwann umgesetzt werden wird?

Tom Hillenbrand: Alles wahrscheinlich nicht! Also, das „Drohnenland“ ist ja eine Dystopie, das ist wirklich das Worst-Case-Szenario. Aber ich glaube, dass wir schon bei diesen Daten und auch bei den Möglichkeiten der Überwachung an so einen Punkt gekommen sind, wo wir eine gesellschaftliche Debatte brauchen, was davon wir wollen oder was wir nicht wollen. Denn diese totale Überwachung, das Vorhersagen von menschlichen Handlungen, das ist nichts, wofür wir noch 50 Jahre brauchen, sondern vielleicht noch drei, vier, fünf, mit den Algorithmen dazu, dann können wir wirklich die Leute perfekt überwachen.

Was uns jetzt noch fehlt, ist sozusagen der politische Wille, das zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen - zumindest in Deutschland -, dass es das ist, was wir wollen, aber wir diskutieren auch zu wenig darüber. Ich glaube, wir müssen wirklich darüber diskutieren, was wir uns da zumuten wollen und was wir zulassen wollen.

Sie sprechen von naher Zukunft, und Sie sprechen von den Vorhersagen, von wahrscheinlichen Ereignissen über Algorithmen - Stichwort die Verhinderung von Straftaten, bevor sie passieren. Das ist ja eigentlich eine wünschenswerte Vorstellung. Sagen wir es einmal so: Wäre es wert, einen Mord zu verhindern, wenn man dafür im Voraus einen Unschuldigen prophylaktisch bestrafen müsste?

Tom Hillenbrand: Also, nach unserer heutigen Auffassung darf man jemanden nur für das bestrafen, was er getan hat. So eine Prognose hat ja nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie eintrifft. Und selbst, wenn sie 96 oder 97 Prozent ist, hätte er es vielleicht nicht getan.

Das ist sozusagen die juristische Lehrmeinung. Aber natürlich ist es so, dass, wenn einmal jemand ermordet wird und es war klar, dass man das hätte voraussehen und es steht am nächsten Tag in der „Bild“-Zeitung, dann werden alle Zeter und Mordio schreiben.

Also, ich glaube auch, dass es insofern sehr naherückt, weil wir zum Beispiel gerade im Rahmen der Terrorismusbekämpfung über Gefährder-Datenbanken europaweit reden, wo also alle irgendwie verdächtigen Leute drin sind. Und auch da würden uns diese Computer natürlich wahnsinnig helfen. Ansonsten brauchen wir Zehntausende von Polizisten, um diese Leute zu observieren. Das könnten Computer sicherlich viel besser. Die Frage ist: Dürfen wir diese Leute vollständig überwachen, obwohl sie ja noch gar nichts getan haben?

Aber das ist eine Diskussion, die müssen wird jetzt sehr bald führen, wahrscheinlich schon in den nächsten ein, zwei Jahren. Das ist nichts mehr, was weit hin ist.

Und das wird keine einfache Diskussion sein.

Tom Hillenbrand: Das wird eine sehr schwierige Diskussion sein, weil die populistische Antwort ist natürlich: „Lieber sperren wir einen zu viel weg als einen zu wenig“. Aber die rechtsstaatliche Antwort ist natürlich: „Jeder Unschuldige, den wir einsperren will, ist eine Katastrophe“, und würde auf die Dauer auch unser gesamtes Rechtssystem, so wie wir es heute haben, wahrscheinlich erodieren. Deshalb müssen wir da sehr genau darüber nachdenken. Das wird sehr schwierig, weil es auch sehr kompliziert und schwer zu verstehen ist.

 

Gesprächsrunde vor Publikum

Blog.Telekom

Stephan Broszio

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FutuRead - Totale Überwachung im"Drohnenland"

Drohnen, die uns aus der Luft überwachen und Supercomputer, die aus solchen Daten die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen berechnen. So beschreibt Autor Tom Hillenbrand das zukünftige Europa in seinem Kriminalroman „Drohnenland“. Dienstagabend gab der Autor in der vierten FutuRead-Lesung in der Telekom Design Gallery in Bonn einen Einblick in das Werk. Dies lieferte eine ideale Grundlage für die anschließende Podiumsdiskussion zur digitalen Verantwortung mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft.

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