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Adel Al-Saleh

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Europa darf nicht bloß zuschauen

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Die EU-Kommission hat die Vision einer europäischen "Digitalen Dekade" formuliert. T-Systems-CEO Adel Al-Saleh nennt die Herausforderungen für die europäischen IT-Unternehmen. Die Industrie braucht einen Kick-Start.

Mit großem Interesse habe ich gestern die Pressekonferenz der Europäischen Kommission zur "Digitalen Dekade" in Europa verfolgt. In Anlehnung an die Rede von Präsidentin Ursula von der Leyen zur Lage der Union im September letzten Jahres stellte die Kommission ihre Vision für die digitale Transformation Europas vor. Zu den Zielen für 2030 gehört, dass drei Viertel aller Unternehmen Cloud-Dienste nutzen und alle öffentlichen Dienste online zugänglich sein sollen. Das sind Ziele, für die sich die Deutsche Telekom schon lange einsetzt.

Um dieses elementare Niveau der Digitalisierung zu erreichen, braucht Europa europäische Akteure. Und bei der Diskussion um die Ziele der digitalen Transformation ist für mich eines ganz besonders deutlich geworden: T-Systems im Konzernverbund mit der Deutschen Telekom ist der letzte große, global agierende IT-Anbieter mit Stammsitz in Deutschland. Anbieter aus der ganzen Welt drängen in unseren Markt. Klar, die Bundesregierung schätzt unser Herkommen. Man muss sich nur die Bereiche ansehen, in denen T-Systems stark engagiert ist. Einige unserer wichtigsten Aushängeschilder: hoheitliche Rechenzentren, Toll Collect, digitale Identität, Gaia-X und natürlich die Corona Warn App. Politisch haben diese Projekte eine Gemeinsamkeit: Deutschland sieht sie als kritische und sensible Bereiche, in denen es die Hoheit haben will. Souverän sein. Die Projekte sollen von einer deutschen Organisation entwickelt, geliefert und gemanagt werden, um Sicherheit und Kontrolle zu gewährleisten.

Damit das so bleibt, brauchen wir mehr als eine Prioritätenliste für sensible Regierungsaufträge. Wir können nicht die Daumen drücken und hoffen, dass die nationale Loyalität siegt, und zusehen, wie Aufträge an den billigsten Bieter vergeben werden. Das ist der Weg in die Bedeutungslosigkeit der europäischen IT-Industrie. Um erfolgreich zu sein, brauchen wir Bedingungen, die es uns ermöglichen, Kreativität und Innovation auf unserem Kontinent zu fördern. Ein Wettbewerbsumfeld, das es deutschen und europäischen Unternehmen erlaubt, sich zu behaupten. Nach drei Jahren als CEO von T-Systems kann ich sagen: Als deutsches IT-Unternehmen dauerhaft erfolgreich zu sein, ist sehr schwierig.

Es ist schwierig, in Deutschland mitzuhalten

Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems.

Adel Al-Saleh, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und CEO T-Systems.

Das IT-Geschäft ist unvergleichlich flexibel. Digitale Services können über Nacht mit einem Mausklick von hier nach da verlagert werden. Workloads lassen sich mit wenig Aufwand und ohne Betriebsunterbrechung in die USA oder nach Asien verschieben. Ganze Rechenzentren wechseln innerhalb weniger Stunden die Kontinente. Diese Art des Offshorings ist nicht einmal von attraktiven Standorten abhängig. Neue Rechenzentren werden zum Beispiel nicht mehr in Städten, sondern in deren Umland gebaut. Alles, was man braucht, ist billiger Strom und eine Netzanbindung. Wie kann sich Deutschland hier behaupten?

Lassen Sie mich einige praktische Erlebnisse teilen: Es dauert Jahre, bis man in Deutschland einen Stromanschluss für ein Rechenzentrum bekommt. Das ist die Erfahrung, die wir in Magdeburg gemacht haben. Außerdem sind die Preise für erneuerbare Energie zur Versorgung dieser Rechenzentren fast doppelt so hoch wie in den Niederlanden. Deshalb haben wir uns für Amsterdam als Standort für ein neues Rechenzentrumsprojekt entschieden. Diese Entscheidung wird uns Millionen sparen.

Die Strompreise sind nicht der einzige Wettbewerbsnachteil für IT-Anbieter, die von Deutschland aus operieren. Die Arbeitskosten sind im internationalen Vergleich hoch. Während sich der Weltmarkt rasant entwickelt, sind wir hierzulande nur begrenzt flexibel, wenn es darum geht, Systeme, Fähigkeiten, Organisationsstrukturen und Werkzeuge zu verändern. Es braucht zu viel Zeit, um Anpassungen vorzunehmen. Die Vorschriften sind streng, besonders im Bereich der Telekommunikation. Die Umweltschutzanforderungen sind komplex, beispielsweise sind die Regeln für die Nutzung von Abwärme unübersichtlich. Genehmigungsverfahren dauern sehr lange. Ohne klare Regeln und Unterstützung verpasst Europa die Chance, die Führung auf dem wichtigen Gebiet der energieeffizienten Rechenzentren zu übernehmen.

Wettbewerbsnachteile überbrücken

In Europa sind wir oft nur Zuschauer. Nehmen Sie zum Beispiel die Chipindustrie. Ich hoffe, dass die "European Processor Initiative" (EPI) zur Unabhängigkeit bei High Performance Computing Prozessor-Technologien schnelle und spannende Ergebnisse bringt. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit und die Führungsrolle der europäischen Industrie und Wissenschaft deutlich stärken. Aber so wie die Dinge stehen, können Deutschland und Europa keine Alternative zu NVIDIA bieten, wenn es darum geht, Computersysteme und KI-Computing-Infrastruktur für Mercedes-Benz im Fahrzeug zu liefern. Und das gilt auch für andere Bereiche der Technologie. Deutschlands wertvolle Automobilindustrie wird von aufstrebenden neuen Wettbewerbern bedroht, die von digitalen Innovationen getrieben sind. Wir müssen daher in Europa die Beteiligung an digitalen Schlüsseltechnologien ausbauen und Innovationen fördern. Wir müssen hochwertige Arbeitsplätze sichern und die Abwanderung von Humankapital verhindern. Wir müssen auch unser Datenkapital schützen und die deutsche und europäische Wirtschaft ermutigen, durch die Digitalisierung zu wachsen.

Corona Warn App: Musterbeispiel für die Zukunft

Es gibt eine Menge Diskussionen über die Corona Warn App. Meistens geht es um Funktionen, Datenschutz und Auswirkungen. Worüber nicht so oft gesprochen wird, ist der Schub, den das Projekt für Digitalisierungsprojekte in Deutschland geben könnte. In nur 50 Tagen haben wir gemeinsam mit SAP die App entwickelt. Jetzt ist sie seit etwas mehr als neun Monaten in Betrieb. Sie wurde rund 26 Millionen Mal heruntergeladen - das sind etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die App funktioniert, und wir verbessern sie laufend. Ja, es hat Schwierigkeiten gegeben. Aber wir haben sie gemeinsam in einem agilen Projekt überwunden: Die Bundesregierung, das RKI, das Fraunhofer-Institut, Google, Apple, SAP, die Telekom und viele Verbände, Labore und andere Unterstützer haben sich für ein beispielloses Public-Private-Partnership stark gemacht. Dies sollte als Beispiel für die Zukunft dienen.

Die Erfahrungen aus diesem Projekt lassen sich auf das EU-Projekt Gaia-X für die souveräne Cloud übertragen. Gaia-X soll dafür sorgen, dass das europäische Datenkapital nicht in die USA oder nach Asien abdriftet. Gerade Industriedaten sind eine deutsche Stärke. Wir haben die Technologie; wir haben die Industrie. Diesen Wettbewerbsvorteil müssen wir ausspielen. Die Deutsche Telekom ist eines der Gründungsmitglieder von Gaia-X. Wir glauben, dass sowohl Daten- als auch Technologiesouveränität wichtig ist und in Zukunft noch wichtiger werden wird. Technologische Abhängigkeiten sind vor dem heutigen geopolitischen Hintergrund unklug.

Das bedeutet nicht, dass wir gegen Hyperscaler wie Microsoft, AWS oder Alibaba spielen wollen. Vielmehr soll eine souveräne Cloud wie Gaia-X eine Multi-Cloud-Strategie ergänzen und mehrere Plattformen miteinander verbinden - und so ein Höchstmaß an Flexibilität bieten. Unternehmen, aber auch der öffentliche Sektor, fordern diese Art der Standardisierung. Die Umsetzung wird Barrieren abbauen und die Digitalisierung beschleunigen, insbesondere im Mittelstand, der für den Wirtschaftsstandort Deutschland und Europa entscheidend ist. Wir haben uns mit SAP zusammengetan, um einen vollständig quelloffenen, hocheffizienten und vollständig souveränen Software-Technologie-Stack für das europäische Projekt zu liefern.

Wir brauchen einen Kick-Start

Die Herausforderung bei Gaia-X besteht vor allem darin, loszulegen. Nicht nur mit Forschungsprojekten, sondern mit wirklich produktiven Umgebungen in Deutschland. Die Automobilallianz Catena-X ist ein vielversprechender Anfang, mit wichtigen Beteiligten aus der gesamten automobilen Wertschöpfungskette. Aber damit das Projekt schnell eine kritische Masse erreicht, brauchen wir einen Kick-Start mit signifikanten Investitionen der öffentlichen Hand. Ich spreche von der deutschen Regierung - auf Bundes- und Kommunalebene -, die dabei hilft, Skaleneffekte zu erzielen, indem sie Investitionen anregt und damit die Einführung von souveränen Cloud-Lösungen im gesamten privaten Sektor fördert.

Lassen Sie uns von der agilen Zusammenarbeit zwischen der Bundesregierung und der Industrie bei der Corona Warn App lernen und Gaia-X und andere Projekte schneller vorantreiben. Eine "typisch deutsche" Herangehensweise, Dinge bis ins letzte Detail zu planen und dann viel zu spät mit der Umsetzung zu beginnen, lässt uns hinter unseren Wettbewerbern zurück. Lassen Sie uns den Mut haben, "agiler" zu arbeiten: Nicht in Perfektion, aber "sicher genug, um es auszuprobieren".

Adel Al-Saleh

Adel Al-Saleh

Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, T-Systems

Dachterrasse und Kuppel des Reichstags in Berlin.

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