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Claudia Nemat

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Wir brauchen den europäischen Sputnik-Moment im Digitalen

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Ein Beitrag von Claudia Nemat, Vorstand Technologie und Innovation, Deutsche Telekom.

Deutschland ist Weltmeister in der industriellen Automatisierung und Sensorik. Wir haben die Marke „Industrie 4.0“ erfunden und weltweit verbreitet. Wir bauen immer noch die besten Autos der Welt. Wir haben ein beeindruckendes Portfolio an Hidden Global Champions im Mittelstand.

Claudia Nemat, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, Technologie und Innovation

Claudia Nemat, Vorstandsmitglied Technologie & Innovation der Deutschen Telekom AG

Allerdings sind wir keine Weltmeister, Daten in Massen (Big Data) nutzbar zu machen, zu interpretieren, sinnvolle Algorithmen im großen Stil zu entwickeln, Machine Learning und KI über alle Sektoren hinweg voranzutreiben. Und genau dort liegt die Herausforderung:

Der Umgang mit Daten und Algorithmen wird nicht nur über unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheiden, sondern auch über den Erfolg politischer Systeme am Ende des 21. Jahrhunderts

Daten sind der Rohstoff der digitalen Welt. Im Gegensatz zu physikalischen Rohstoffen wie Öl sind vor allem „Echtzeit“-Daten aus dem Internet-der-Dinge leicht „verderblich“ (sie müssen aktuell sein). Zudem „vermehren“ sie sich ständig. Das liegt daran, dass immer mehr Menschen und Dinge vernetzt sind.

Bislang sind zwei Modelle erfolgreich: das liberal-kapitalistische Geschäftsmodell aus dem Silicon Valley und das autoritär-kapitalistische Modell der Volksrepublik China. Beide Modelle stellen Europa vor signifikante Herausforderungen. Daten europäischer Nutzer digitaler Services liegen weitestgehend auf Servern amerikanischer Unternehmen und auch mittlerweile auf chinesischen. Daten von Unternehmen, die auf Public-Cloud-Lösungen zurückgreifen, befinden sich ebenfalls überwiegend auf amerikanischen Servern, oder Servern, die unter der Kontrolle von US-Unternehmen stehen.  „Anwender“ können kaum Anspruch auf Eigentum ihrer Daten erheben, sondern geben in der Regel die Rechte auf ihre Daten an die Datenplattformen weiter. Das Durchsetzen individueller Interessen gegenüber der Datenplattform ist eine Herausforderung.

Ein europäisches „Gegenmodell“: nachhaltig – digital – mit dem Menschen im Mittelpunkt

Wir brauchen den europäischen Sputnik Moment im Digitalen. Einen Sense of Urgency, wie wir ihn in der Klimabewegung erleben. Dieser könnte zusätzlich oder gemeinsam mit dem unbedingten Willen verknüpft werden, unsere ökologische Zukunft zu retten. Wir benötigen Offenheit dafür, unsere Zukunft selbst gestalten zu wollen, statt nur kritiklos zu konsumieren, oder uns politisch in ein Lagerdenken USA vs. China zwingen zu lassen.

Für mich sind die Schlüssel für ein erfolgreiches europäisches Gegenmodell ein menschenzentriertes Technologieverständnis und ein ebensolches Wirtschaftsmodell. Dieses schließt zukünftige Menschen ein. Also die Frage, wie wir die Klimakatastrophe und die Vermüllung unseres Planeten abwenden. Die Beherrschung digitaler Technologien kann dabei helfen. Sie ist zudem zwingend erforderlich, wenn wir nicht im globalen Wettbewerb zurückfallen wollen.

Innovationen kommen stets von wenigen großen und vielen kleinen Unternehmen, vor allem von Menschen – getragen von der Leidenschaft, die Zukunft gestalten zu wollen. Aufgabe der Politik ist es, hierfür den richtigen Handlungsrahmen zu definieren und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Europa ist dabei durch Öffnung und Wandel groß geworden, nicht durch Abschottung und Stillstand. Frieden wurde durch Zusammenarbeit, nicht durch nationale Egoismen geschaffen. Im Wettstreit der Großmächte USA und China wird uns nationales Klein-Klein noch weiter schwächen. Auf Augenhöhe lässt sich besser verhandeln.

Um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, ein paar Gedankenanregungen:

  • Agile Prinzipien auch im Verwaltungsbereich einführen, um Entscheidungs- und Umsetzungsgeschwindigkeiten zu erhöhen.
  • Mehr Later-Stage-Finanzierung von erfolgreichen Startups bereitstellen
  • Rahmenbedingungen, damit sich Investitionen lohnen #1: Mehr politischer Wille zur Konsolidierung innerhalb bestimmter Branchen. Kraftvolle Technologiepolitik zum Formen sehr großer Player – Ziel: wettbewerbsfähige European Champions.
  • Rahmenbedingungen, damit sich Investitionen lohnen #2: Steuervergünstigungen für Forschung & Entwicklung
  • Die eigenen Regeln durchsetzen gegenüber allen, die in Europa Geschäfte machen wollen – gleiche Regeln für alle! Diese beinhaltet auch die Fragestellung, wie wir zukünftig mit Plattformen umgehen, deren Geschäftsmodell unsere freiheitlich demokratischen Grundordnungen bedrohen könnten.
  • Regeln für vorwettbewerbliche Zusammenarbeit nachjustieren. Dabei braucht es Klärung darüber, welche Kooperation noch als vorwettbewerblich akzeptiert wird und welche als wettbewerbsmindernd nicht gewollt ist. Das heutige Wettbewerbsrecht legt den vorwettbewerbsrechtlichen Bereich zu eng aus. Der Gesetzgeber sollte einen rechtlichen Rahmen schaffen, der einerseits die Daten schützt, andererseits aber auch genügend Freiräume für Reallabore zulässt.

Sowie natürlich: Bildung, Bildung, Bildung! Lebenslanges Lernen!

All das erfordert ein gigantisches Maß an Aufklärung und positive Rollenmodelle. Eine breit getragene Kampagne aller gesellschaftlichen Akteure. „Es geht um unsere Zukunft!“ Wir brauchen leidenschaftlichen Pioniergeist in der digitalen Welt.

Claudia Nemat

Claudia Nemat

Vorstandsmitglied Technologie und Innovation

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