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Die Kunst abzuschalten

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Immer online. Immer dabei. Nichts verpassen. Schon vor der Pandemie konnten sich viele Menschen aus dem Klammergriff der digital beschleunigten Welt nur schlecht befreien. Laut Bitkom hat ihre Zahl in den letzten anderthalb Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Eine klare Mehrheit von 78 Prozent gibt an, digitale Technologien seit der Corona-Zeit noch häufiger zu nutzen. Die Zeit vor dem Bildschirm ist dabei von circa acht auf 10,4 Stunden pro Tag gestiegen. Dabei sind digitale Pausen für das Wohlbefinden so wichtig.

Wir folgen der Präsentation im WebEx-Meeting, ein Auge haben wir dabei stets auf die am Bildschirm aufpoppenden Mails, mit dem anderen schielen wir auf das Display unseres Smartphones. Denn dort jagt eine Nachricht die nächste. Könnte ja etwas Wichtiges sein. Wer kennt solche Situationen am Arbeitsplatz nicht? 

Frau meditiert unter einer Glasglocke.

Viele Menschen können sich nur schlecht aus dem Klammergriff der digital beschleunigten Welt befreien. Dabei sind digitale Pausen für das Wohlbefinden so wichtig.

Probleme uns zu konzentrieren

Die Wahrnehmung der Welt um uns herum drückt sich immer mehr in Bits und Bytes aus. Die Datenkrake hat uns fest im Griff: Die Nutzung digitaler Medien steigt rapide an. Anfang 2019 waren weltweit 4.4 Milliarden Menschen online, so der Global Digital Report. 3,5 Milliarden tummelten sich auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen. Zur Hälfte dieser Zeit wurde dafür das Smartphone genutzt. Tendenz weiter steigend. Längst geht es nicht mehr nur darum, ständig erreichbar zu sein, sondern darum, permanent dabei zu sein. Und das hat Folgen: Mögen die Todesfälle im Straßenverkehr infolge der Ablenkung durchs Handy noch die Ausnahme sein, mag die Tatsache, dass der WhatsApp-Konsum in Italien verantwortlich für gut die Hälfte aller Scheidungen sein soll, kurios anmuten, können wir die Augen vor einer grundsätzlich bedenklichen Entwicklung nicht verschließen: Die Zeit, in der wir uns auf eine Sache konzentrieren können, das belegen Studien, hat in einer Welt voller medialer Verlockungen abgenommen. Das kostet viel Energie. Wir brauchen immer mehr Kraft, um äußere Reize auszublenden, um bei der Sache zu bleiben. Das macht uns müde. Mittlerweile gibt es in fast allen Industrienationen Nachweise für eine schlechtere Schlafqualität und Schlafdauer in der Bevölkerung. Ein Grund: der hohe Digitalkonsum in den späten Abendstunden. Dadurch nimmt die Erholungsfähigkeit ab und der subjektiv empfundene Stress zu. Das Gehirn kommt kaum noch zur Ruhe.

Zerstückelung des Alltags

Durch das ständige "Always-On" sind Ablenkungen und Unterbrechung zur Gewohnheit geworden. Das führt zur Zerstückelung unseres Alltags – im Job und in der Freizeit. Paradox daran: Während die Informationstechnologie immer leistungsfähiger wird und immer mehr Möglichkeiten bietet, so warnt der Informatiker und Autor Alexander Markowetz, könne die Produktivität der Menschen damit nicht Schritt halten. Und das Tempo nimmt zu. Inzwischen wird sogar das einst eherne "Mooresche Gesetz", demzufolge sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle ein bis zwei Jahre verdoppelt von Experten angezweifelt. Statt mit einer Verdoppelung müsse man künftig sogar mit einer Verzehnfachung der Leistungsfähigkeit von Computern und Smartphones rechnen.

Tempo richtig gestalten

Der frühere Chefwissenschaftler von Amazon Andreas Weigend hält deshalb auch nichts von Tempolimits in der digitalen Welt. In einem jetzt erschienenen Magazin zum Thema „Arbeit“ aus dem "Zeit"-Verlag sagte der Big-Data-Experte: "Es geht nicht darum das moderne Tempo zu bremsen – sondern es richtig zu gestalten". Ins gleiche Horn stößt der Neurowissenschaftler Volker Busch. Er sieht es als eine der größten Herausforderungen in digitalen Zeiten, "dass wir wieder lernen, unsere Aufmerksamkeit besser zu steuern".

Belohnungssystem ist aktiviert

Die Fähigkeit, sich nicht ständig ablenken zu lassen, verlangt uns indes einiges ab. Die Verlockungen der digitalen Welt sind für unser Gehirn groß. Apps und Algorithmen sind so programmiert, dass sie mit dem Belohnungssystem in unserem Gehirn spielen. Gut bezahlte Entwickler arbeiten dran, dass wir möglichst viel Zeit mit ihren Produkten verbringen. Geködert werden wir mit Likes, Bonuspunkten oder bunten Animationen. Das Problem: Das neuronale Belohnungszentrum treibt uns zum Handeln, ist aber auch Grund für unsere Suchtanfälligkeit.

Aufräumen im Hirn

Digital Detox, also die digitale Entgiftung, gilt vielen da als Allheilmittel. Hirnforscher Busch hält die Vorstellung von Entgiftung zwar für etwas grundsätzlich Nützliches, er warnt aber in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin "Focus" vor überzogenen Erwartungen. Es bringe wenig, drei Wochen ohne Smartphone durch Kenia zu laufen, um dann genauso weiterzumachen wie vorher: "Unser Gehirn braucht nicht einmal im Jahr, sondern vielmehr regelmäßig Phasen, in denen es aufräumen kann."

Mentale Abwehrkräfte stärken

Um sich den Versuchungen der Informationstechnologie nicht völlig hinzugeben, ist strenge Disziplin gefragt. Die Gründerin der Huffington Post, Arianna Huffington, oder die deutsche Publizistin Miriam Meckel – beide Journalisten machten ihr digitales Burnout öffentlich – setzen inzwischen konsequent auf digitale Auszeiten. Der Kognitionspsychloge Christian Stöcker empfiehlt zur Stärkung der mentalen "Abwehrkräfte" und Achtsamkeit gegenüber sich selbst Meditationsübungen. So könne man sich von der digitalen Fessel am besten befreien, beziehungsweise dafür sorgen, dass man erst gar nicht in deren Fänge gerät. Manchmal wirken schon einfache Spaziergänge – natürlich ohne das Smartphone – wahre Wunder. Der Tapetenwechsel und frische Luft regen zudem die Kreativität an. So erzählt Apple-Chef Tim Cook, einige seiner besten Ideen habe er an der frischen Luft gehabt – fern von Smartphone und PC.

Nudging: Ich weiß, was ich tue

Um dem digitalen Overkill zu entgehen empfehlen Verhaltensökonomen die konsequente Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltensweisen. Und die Bereitschaft, diese zu ändern. Dafür haben sie das sogenannte Nudging entwickelt. Die Idee dahinter: unbewusste, irrationale Handlungen in rationale Verhaltensmuster umwandeln. Kleine Vorgaben, wie das Handy-Verbot im Schlafzimmer oder der Facebook und Co-Urlaub an bestimmten Tagen, helfen, das digitale Kommunikationsverhalten zu normalisieren. Das Abschalten macht das Anschalten dann umso schöner.

Roboter malt ein Bild

Kreativität aus der Maschine

Künstliche Intelligenz malt, komponiert, dichtet, designt. Doch wie viel Kreativität steckt wirklich in KI? Können Maschinen ebenso kreativ sein wie der Mensch?

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