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Ferdinand von Schirach zu Gast bei Claudia Nemat: Wider Wildwest im Internet

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Telekom-Vorstandsmitglied Claudia Nemat hat sich digital mit Ferdinand von Schirach im Rahmen des Telekom „AI Action Day“ ausgetauscht. Der Schriftsteller stellt sich vehement gegen den „Wilden Westen“ im Digitalen und fordert neue europäische Grundrechte. 

Claudia Nemat und Ferdinand von Schirach.

Claudia Nemat und von Schirach teilen die Erfahrung, dass viele Regierungen und Menschen weltweit Gesetze und Regelungen „made in Europe“ schätzen als Vorbild-Initiativen, die unsere Zukunft zum Positiven beeinflussen.

„Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung und Manipulation von Menschen ist verboten“, sagt Ferdinand von Schirach. „Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind.“ Mit diesen Forderungen gab der international erfolgreiche deutsche Schriftsteller und Anwalt von Schirach einen zentralen Impuls beim AI Action Day. Mit Claudia Nemat sprach er anlässlich des Events zu Künstlicher Intelligenz über sein jüngstes Werk: „Jeder Mensch“ (2021). Dieses vereint sechs neue Grundrechte, die von Schirach für Europa fordert (siehe unten). Es geht um Umwelt, digitale Selbstbestimmung, Künstliche Intelligenz (KI), Wahrheit, Globalisierung und Einklagbarkeit. Passend zum AI Action Day fokussierten von Schirach und Nemat die Artikel zu Digitaler Selbstbestimmung und Künstlicher Intelligenz.

Stichwort Manipulation, etwa durch Facebook/Meta und manch andere Tech-Giganten: Von Schirach zitiert das Beispiel des Sturms auf das Kapitol in Washington im Januar 2021 und ist davon überzeugt, dieser ist auf die sozialen Medien zurückzuführen und dort mit entstanden. „Ein furchtbares Geschäftsmodell“, sagt er und: „Wahnsinnig gefährlich.“ Wünschenswert sei ein soziales Netzwerk mit Transparenzforderungen. Mit Prinzipien wie sie zum Bespiel auch bei Gaja X, der europäischen Cloud für volle Datensouveränität gelten. 

KI-Leitlinien der Telekom: “Richtig, aber …“

„Dieser Bereich des Digitalen, oder nehmen Sie nur das Internet, ist der Wilde Westen und muss vom Recht durchdrungen werden“, so von Schirach. Das Ziel sei, „dass wir in unserem digitalen Leben dieselben Rechte und dieselben Pflichten haben wie in unserem analogen Leben.“ Volle Zustimmung von Claudia Nemat: „Wenn Algorithmen so definiert sind, dass sie Hass und Desinformation forcieren, weil dies leider im Gehirn der Menschen mehr Engagement produziert, ist das toxisch.“ Laut von Schirach geht es um die Frage, wie sich alternative Logiken schaffen lassen, die tatsächlich die Menschen ermächtigen, transparent darüber zu entscheiden, mit wem, für welche Zwecke und wie lange sie Daten teilen und wie dann damit auch transparent zu verfahren ist.   

In puncto Künstliche Intelligenz begrüßt von Schirach zwar die ethischen Leitlinien, die sich die Telekom selbst gegeben hat. Doch: „Ich möchte, dass nicht ein Unternehmen entscheiden kann, das verantwortungsbewusst zu machen, sondern dass es eine gesetzliche, verpflichtende Vorgabe ist.“ Es gehe schließlich auch um Entscheidungen von KI über das Leben, über die Freiheit oder beispielsweise im sozialen Bereich. „Darf ein Algorithmus über die Heilbehandlung, über eine sehr teure Heilbehandlung eines Kindes entscheiden? Nein, das muss letztlich ein Mensch machen.“ Es bedarf einklagbarer Grundrechte.

Verhindern Gesetze Innovation?

Claudia Nemat spiegelte die Frage eines Unternehmenslenkers, die mal an sie herangetragen wurde, wider: „In Europa versucht ihr immer, alle Innovationen in Gesetzen zu regeln. Europa ist weit abgeschlagen im Digitalen. Und ihr verspielt eure Zukunftsfähigkeit." Für von Schirach ist das zu einem großen Teil nicht richtig – wieder mit Blick auf den Sturm auf das Kapitol. Oder auf Elon Musk, der gerade dabei ist, Twitter zu übernehmen: „Er nimmt das Unternehmen von der Börse, und es gibt keine gesetzliche Regulierung mehr, wer auf Twitter sprechen darf und wer das nicht tun darf. Jetzt stellen wir uns mal vor, Trump wäre unter Elon Musk noch auf Twitter und hätte die Wahl gewonnen. Was wäre passiert?“ Claudia Nemat und von Schirach teilen eine weitere Erfahrung: Viele Regierungen und Menschen weltweit schätzen Gesetze und Regelungen „made in Europe“ als Vorbild-Initiativen, die unsere Zukunft zum Positiven beeinflussen. Von Schirach: „Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Innovationen genau daraus entstehen, dass man eben sagt, wir haben jetzt über diese ethischen Fragen so lange nachgedacht, (…) wir können der Welt etwas anbieten, das nach ethischen Prinzipien funktioniert. Das war in Europa oft genug so. Nehmen Sie jetzt zum Beispiel die Impfstoffe, eine typische, europäische Erfindung.“

Nicht zuletzt gab es vom Anwalt und Schriftsteller Rückenwind für die „Human-centered Technology“-Bewegung bei der Telekom. Also für Telekom-Technologie, die heutigen Menschen, aber auch zukünftigen Generationen nutzt, und keinesfalls Schaden als unerwünschten Begleiteffekt produzieren soll: „Gerade in so einem Riesenunternehmen wie der Telekom eine Institution zu haben, an die man sich bei solchen Fragen wenden kann, wird vielen Leuten helfen. Gar keine Frage. Das finde ich richtig gut.“

Sehen Sie das ganze Gespräch hier auf unserer KI-Aktionsseite welove.ai

Ferdinand von Schirach hat ein beeindruckendes Spektrum an Themen und Veröffentlichungen. Zu seinen Werken zählen "Das Verbrechen", "Die Schuld", "Der Fall Collini", "Die Würde ist antastbar", "Strafe", "Trotzdem" und seit 2021 "Jeder Mensch". In diesem Buch plädiert er dafür, die Charta der europäischen Grundrechte zu erweitern. Die Erlöse aus dem Buchverkauf gehen an gleichnamige Stiftung, die sich für die Durchsetzung der Artikel einsetzt:

Artikel 1 – Umwelt:
Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Artikel 2 – Digitale Selbstbestimmung:
Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Artikel 3 – Künstliche Intelligenz:
Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Artikel 4 – Wahrheit:
Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Artikel 5 – Globalisierung:
Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Artikel 6 – Grundrechtsklage:
Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.  

Claudia Nemat mit Mobilfunktechnik (Radio Unit und Basisstation)

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