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Klaus vom Hofe

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„Seid eure eigenen Cheerleader“

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Hira Siddiqui ist mit ihrer Abschlussarbeit an der TU Dresden die Gesamtsiegerin beim Frauen MINT Award 2021 der Telekom. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Im Interview erzählt die Software-Expertin von ihrer Master-Idee und was sie anderen Frauen rät.

     
Frau Siddiqui, herzliche Glückwünsche zur Erstplatzierung! Was bedeutet Ihnen der Award?

Hira Siddiqui: Danke, ich freue mich riesig und fühle mich bestätigt, das Richtige zu tun. Ein wichtiger Preis, der Frauen auf den MINT-Gebieten Sichtbarkeit schenkt. Das ist unbedingt nötig. Er stellt meine Idee ins Rampenlicht, und auch das liegt mir am Herzen. So kann ich leichter mit Fachleuten in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen über mein Thema weiter austauschen. 

Die Idee, zu der Sie Konzept und Software in ihrer Arbeit entwickelt haben, hat schon einen Namen: „Credentials as a Service“ übersetzt etwa „Service für persönliche Daten“.  Worum geht es?

Hira Siddiqui

„Gute Software ist inklusiv – sie hat also viel mit Kreativität und Empathie zu tun“: Preisträgerin Hira Siddiqui entwickelte einen praktischen Cloud-Service für kleine und mittlere Unternehmen. © Privat

Siddiqui: Um selbstbestimmte Identität, ein relativ neuer Trend. Mit der Europäischen Datenschutzgrundverordnung gerät zumindest in Europa immer mehr in den Fokus, was große Unternehmen alles an persönlichen Daten speichern. Nicht zuletzt massive Datenskandale, wie etwa durch Weitergabe von Daten an Dritte - haben zu diesem Trend geführt.  

„Selbstbestimmte Identität“ heißt: Die Nutzer von digitalen Diensten – sei es Shopping oder Social Media - entscheiden künftig selbst, was mit ihren Daten geschieht? 

Siddiqui: Ja. Und die Idee ist, dass nur sie ihre Daten einsehen können, mit denen sie Zugang zu Angeboten haben – die Anbieter selbst nicht. Sie selbst bestimmen, welche Daten sie weiter preisgeben und wofür diese verwendet werden. In Europa sind Regierungen sehr dahinter her, dass dieser Ansatz weiterentwickelt wird. Dasselbe gilt für die Firmen. Denn, wenn ich als Unternehmen keinen Zugang zu den Daten meiner Kund*innen habe, habe ich weniger Aufwand, diese zu sichern und mir drohen keine empfindlichen Millionen-Strafen. 

Also wenn ich gerade ein Start-up gegründet hätte und mir anvertraute Daten in falsche Hände gerieten … das wäre dann wohl das Aus für mein Vorhaben. 

Siddiqui: Das stimmt. Große Unternehmen haben die Ressourcen und die Infrastruktur, um Lösungen für die selbstbestimmte Identität zu entwickeln und einzusetzen. Aber kleinere Unternehmen haben nur geringe Ressourcen und solche Lösungen können für sie sehr teuer werden.  

Und genau hier setzt Ihr Projekt an.

Siddiqui: Ja, ein Cloud-Service für selbstbestimmte Identität, genannt "Credentials as a Service" oder kurz CaaS. Unternehmen kauften diese Lösung einfach als Cloud-Service ein und stellten ihren Kunden Zugangsberechtigungen aus, ohne selbst dafür eine Infrastruktur vorhalten zu müssen. Außerdem wäre es für den Cloud-Provider computertechnisch unmöglich zu sehen, welche Daten innerhalb des Dienstes verarbeitet werden. Dies ermöglichen wir mit einer speziellen Hardware-Technologie namens "Trusted Execution Environments". Damit können kleine und mittlere Unternehmen und Startups sicher sein, dass der Schutz der Kundendaten computertechnisch garantiert ist. Sie profitieren zudem von Vorteilen der Cloud wie "Pay per use" und "On demand scalability", also nutzungsabhängiges Bezahlen und   Skalierbarkeit nach Bedarf. Das wäre verglichen mit derzeitigen Lösungen weniger kostspielig. 

Wer könnte Ihre Lösung den Startups sowie kleineren und mittleren Unternehmen anbieten?

Siddiqui: Sie könnte bei einem Cloud Service Provider eingesetzt werden, zum Beispiel in der Open Telekom Cloud. Zusammengefasst: Unternehmen sparten damit Server und IT-Personal, mit denen sie die Zugangsdaten und alle anderen persönlichen Daten verwalten würden. Das ist sehr interessant zum Beispiel für einen Online-Shop oder einen Fahrradverleih in der City. Sie könnten damit schnell und einfach ihr Geschäft starten. Und vor allem: sicher. Die Daten werden in der Cloud verarbeitet, aber nur in der „Wallet“ des Benutzers gespeichert, direkt auf seinem Gerät wie etwa dem Smartphone. Und der Nachweis, dass diese Daten korrekt und legitim sind, kommt von der Blockchain. 

Ihr Fachgebiet an der TU Dresden ist "Distributed Systems Engineering". Ein Untergebiet davon ist Blockchain. Und das ist schon lange Ihr Steckenpferd, bereits als sie noch Software Engineering in Pakistan studierten. Ich versuche, es als Laie mal verkürzt auszudrücken: Ketten an Datensätzen, die - auf vielen Rechnern abgelegt - sichern, dass jeder Datensatz eindeutig zuordenbar und nie verfälschbar ist … 

Siddiqui: So ungefähr … 😊 Das Thema begleitet mich seit Jahren. An meiner Uni fesselte mich die Gast-Vorlesung eines Professors aus den USA dazu. Ich löcherte ihn mit meinen Fragen. Es entstand ein langer Dialog, auch nach seiner Rückkehr in die Staaten. Das Thema ließ mich nicht los. Ich bildete mich in meiner Freizeit weiter. Dann bot ich Blockchain-Programmierungen auf einer Freelancer-Plattform an – und das neben meinem ersten Job in einem IT-Unternehmen. Zuerst allein, dann mit mehren, denn es waren bald über 80 internationale Projekte. Eine verrückte Zeit. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, mich weiterzuentwickeln … 

… was Sie zum Master-Studiengang an die TU Dresden führte - und ins im Blockchain-Team der Telekom-Tochter T-Systems MMS. Zunächst als Werksstudentin und seit April 2021 fest. Dieses Team verwirklicht Blockchain-Geschäftsmodelle für seine Kund*innen. Was bedeutet Ihnen das?

Siddiqui: Ich freue mich sehr darüber. Lange Zeit waren feste Stellen bei dieser neuen Technologie rar gesäht. Nun bin ich sozusagen angekommen. Und ich fühle mich vom ersten Tag an ins Team integriert. Mehr noch: Die Kolleg*innen ließen mich spüren, dass meine Stimme und Erfahrung zählen. Ich nehme einen starken Rückhalt wahr. Das macht mich sehr selbstbewusst. Ich habe eine Stimme in meinem Job. Gerade für uns Frauen in technischen Berufen ist das sehr wichtig. Wir fühlen uns in unserer Laufbahn oft eher allein und auf uns selbst gestellt, weil wir dort zu wenige sind.

Wie meinen Sie das?

Siddiqui: Es fängt damit an, dass die Gesellschaft uns vor die Wahl stellt: Mutterrolle oder Karriere. Das nehmen viele als gesetzt wahr, ja als schlecht, wenn beides zusammenkommt. Dies verhindert in vielen Ländern, dass Frauen zum Zuge kommen und Karriere machen. Dabei funktioniert es sehr gut, beide Rollen einzunehmen. Und obwohl doch alle Menschen mit denselben Gehirnen ausgestattet sind, ist es für Frauen in männerdominierten technischen Berufen schwer, ein Bein an Deck zu bekommen. Das beeinflusst die Berufsentscheidung. 

Was prägte Ihre Entscheidungen?

Siddiqui: Meine Eltern förderten glücklicherweise in meiner Kindheit mein Faible für technisches Spielzeug wie ferngesteuerte Autos und Hubschrauber – und für Mathe. Sie lehrten mich außerdem, dass ich das, was ich mache, besonders gut machen sollte. Und dass ich mir immer mehr zutrauen kann. Nicht zuletzt hatte ich das große Glück, dass mich immer Menschen auf meinem Weg förderten. Dafür bin ich sehr dankbar.  

Sie entdeckten früh für sich die Software-Welt, entwickelten sogar Apps, etwa eine für Mitfahrgelegenheiten.

Siddiqui: Mich fasziniert, dass gute Software Millionen von Menschen erreichen kann. Dass sich mit ihr früher oder später alles verwirklichen lässt, was die Fantasie hergibt. Und dass möglichst viele unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten müssen, damit Anwendungen nicht floppen. Ein einfaches Beispiel: Rund acht Prozent aller Männer und 0,4 Prozent aller Frauen sind farbenblind. Wer sowas in der Entwicklung nicht mitberücksichtigt, scheitert später womöglich mit seinen Anwendungen. Gute Software ist inklusiv – sie hat also viel mit Kreativität und Empathie zu tun. 

Was raten Sie anderen jungen Frauen für ihre beruflichen Entscheidungen? 

Siddiqui: Klammert die technischen Berufe nicht aus. Sie eröffnen euch tolle, faszinierende Welten. Ihr schafft das! Seid mutig, seid eure eigenen Cheerleader! Und nehmt euch andere Frauen als Vorbilder. In Deutschland zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von Haus aus Physikerin ist. Und wenn es keine Vorbilder gibt, nehmt ihr euch vor, selbst zu Vorbildern zu werden. Wir müssen alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich alte Denkweisen ändern. 

Nun sind Sie Preisträgerin des MINT Award und damit selbst ein Vorbild …

Siddiqui: … was mich noch stolzer macht. Ich hoffe sehr, dass ich andere Frauen motivieren kann. Es gibt so unendliche viele Talente da draußen, und so viele davon ungenutzt. Doch dieses Potential darf nicht verloren gehen. 

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Klaus vom Hofe

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Her mit den Vorbildern: Frauen MINT Award 2021

Rund 160 Absolventinnen aus 25 Ländern wetteiferten diesmal um den MINT Award 2021 der Deutschen Telekom. Jetzt sind die Würfel gefallen. Hira Siddiqui ging dieses Jahr als Gesamtsiegerin hervor.

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