Agilität: Spotify – die schwedische Verlockung

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Tribe, Squads, Chapters, Guilds: Agile Organisationsformen sind in aller Munde. Und Spotify gilt vielen Managern als agiles Vorbild. Warum die schwedische Online-Musikplattform mit ihrem Tribe Model so erfolgreich ist. Und dennoch nicht als simple Blaupause für andere Unternehmen taugt.

Ein Handy, das auf einem Tisch liegt, und Musik von Spotify abspielt

Spotify – ein häufig genanntes Beispiel für agile Organisationsform

„Können wir uns agil organisieren – am besten so wie bei Spotify? Ich habe gehört, dass die damit richtig erfolgreich sind!“: Ob beim offiziellen Meeting oder beim lockeren Plausch in Kantine oder Kaffeeküche – Fragen und Aussagen wie diese bekomme ich seit einiger Zeit fast täglich zu hören. Egal in welchem Bereich unsere Kunden unterwegs sind: Nicht nur der Wunsch nach Agilität steht heute ganz oben, wenn es darum geht, neue Projekte anzugehen. Auch die explizite Anlehnung an agile Methoden, Prozesse und Unternehmenskultur, wie sie die schwedische Digital-Musik-Plattform mit großem Erfolg vorlebt, ist ein Aspekt, auf den meine CSP-Kollegen und ich immer häufiger angesprochen werden.

Agilität: Vom Modewort zu validem Management

Eine, wie ich finde, durchaus bemerkenswerte Entwicklung: Zeigen diese Hinweise doch zum einen, was für eine steile Karriere agiles Management in den vergangenen Jahren genommen hat. Wer hätte schon gedacht, dass eine Organisationsform mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Scrum einmal das Management von Unternehmen revolutionieren könnte? Und vom Business Buzzword zum ernsthaften Ansatz für zeitgemäße Unternehmensführung aufsteigt? Eine Methode, bei der kleine Teams aus acht bis 10 Mitarbeitern cross-funktional zusammenarbeiten, um in überschaubaren Zyklen von ein bis vier Wochen immer wieder kleine Stücke Software zu programmieren. Und dabei regelmäßig Kunden-Feedback einfließen lassen. Anfangs als Ersatz für die klassische Wasserfall-Methode eine ausschließlich von progressiven Software-Entwicklern genutzte Variante, um Projekte zu steuern, hat Agilität längst die Spezialistenecke verlassen und gilt nun vielerorts als Allheilmittel, um komplexeste Herausforderungen effizient und effektiv zu bewältigen. Also nicht nur Software zu programmieren, sondern in Unternehmen jeder Branche und Größe generell kundenzentrierter, weniger komplex und schneller zu arbeiten. Dabei bessere Ergebnisse zu erzielen. Und, nicht zuletzt, das Unternehmen zu einem vorbildlichen, angenehmen Arbeitsplatz zu machen.

Eine Frau die einen bunten Post It an eine dunkle Wand klebt und dabei von mehreren Leuten beobachtet wird

Immer mehr Unternehmen wollen auf den agilen Zug aufspringen und erhoffen sich viel

Kann Agilität meinem Unternehmen helfen?

Kein Wunder also, dass sich immer mehr Unternehmen fragen: Wie kann ich diese Erfolgsmuster für meine Organisation  nutzen? Welche Vorbilder taugen auch für mein Unternehmen?

Ein Name, der an der Stelle immer häufiger als Benchmark genannt wird:  Spotify. Im Übrigen nicht nur bei der Telekom, wie ein Blick auf Google zeigt: Allein die Begriffskombination „Spotify agile organisation“ liefert mehr als 3,3 Millionen Treffer. Die schwedische Online-Musikplattform organisiert sich seit einigen Jahren erfolgreich über sein Tribe Model – ein agiles System aus so genannten Squads, Chapters und Guilds. Ein Tribe besteht aus mehreren Squads, die den Kern des Tribe Models bilden. Sie entsprechen den aus der agilen Software-Entwicklung bekannten Scrum-Teams, deren Product Owner Prioritäten auf Basis der Unternehmensziele festlegen, dabei aber nicht an die strenge Scrum-Lehre gebunden sind. Der Tribe Leader wiederum legt die Tribe Vision fest und achtet darauf, dass die Squads untereinander reibungslos interagieren. Chapters schaffen Verbindungen zwischen den Squads, damit diese nicht zu Silos verkommen. In den Chapters verbinden sich über Squad-Grenzen hinaus alle Tribe-Kollegen mit gleichen Fähigkeiten wie etwa nutzerzentriertem Design. Ein Chapter Lead – keine Vollzeit-Managementposition, sondern Zusatzaufgabe für einzelne Squad-Mitglieder – kümmert sich um alle Personalbelange innerhalb dieser Gruppe – vom Feedback über die Förderung individueller Fähigkeiten bis zur Karriereentwicklung. Und die Guilds – eine weitere Querschnittsverbindung zwischen den Tribes – wiederum achten darauf, dass diese nicht selbst zu Silos verkommen.  

Faszinierend verständlich

Kurz: Spotifys Tribe Model fasziniert, weil es einfach, leicht verständlich und erfolgreich ist. Und damit so viel attraktiver als viele andere Skalierungsmodelle, die einen schon beim Betrachten schier erschlagen. Was also spräche dagegen, Spotifys Tribe Model und damit den Erfolg einfach zu kopieren? Grundsätzlich nichts – wie gut es funktioniert, hängt allerdings von der Antwort auf vier Fragen ab:

1. Wie digital ist Ihr Geschäftsmodell?

Spotifys funktioniert komplett digital – Produktion, Vertrieb, Service, Logistik spielen in diesem Geschäftsmodell genauso wenig eine Rolle wie diese Aspekte der Wertschöpfung in Spotifys agilem Tribe Model berücksichtigt sind. Weshalb ein Unternehmen Antworten auf diese Fragen finden muss: Wie digital ist mein Geschäftsmodell? Lassen sich diese Funktionen und die dort beschäftigten Mitarbeiter in ein agiles Organisationsmodell integrieren? Wenn nein: Wie arbeiten diese Personen mit den Kollegen in den Tribes zusammen?
Kurz: Je analoger, je klassischer ein Geschäftsmodell ist, desto komplexer wird die Entwicklung eines agilen Organisationsmodells.

2. Wie vielfältig ist Ihre Produktpalette?

Spotify fokussiert sich auf ein Produkt – Musik. Unternehmen mit einem größeren Produktportfolio müssen also überlegen, wie sie das Tribe Model darauf übertragen. Lösung 1: die Tribe-Strukturen um die Anzahl der Produkte multiplizieren – was Produktgruppen ebenso voneinander trennt wie alle anderen benötigten Funktionen, bis hin zum CRM. Die Gefahr: es entstehen Produkt-Silos. Lösung 2: Alle Produkte unter einer Tribe-Struktur zusammenzufassen. Was zwar Silos verhindert, aber neue Fragen aufwirft: Wer wäre für eine solche Produktgruppe zuständig? Wie würden einzelne Teams ihre Arbeit zwischen einzelnen Produktgruppen priorisieren? Wie gut können Mitarbeiter motiviert bleiben und ihre Leistung aufrecht erhalten, die sich nicht mit einer Produktgruppe und damit ihrer Arbeit identifizieren können, weil sie sich nicht intensiv genug auf eine Produktgruppe fokussieren können? Nach welchen Kriterien investiert ein Portfolio-Manager? Wie lässt sich ein Streit um Ressourcen und Mitarbeiter vermeiden?

3. Wie komplex ist die IT-Struktur in Ihrem Unternehmen?

Weitere wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Spotifys Tribe Model: der modulare, flexible Aufbau der IT-Landschaft. Hand aufs Herz: Gilt das auch für Ihr Unternehmen? Wenn ich ehrlich bin: Ich würde sie gründlich überprüfen. Wie oft bin ich, vor allem bei großen, älteren Unternehmen, auf monolithische, altmodische, unflexible, weil historisch gewachsene IT-Landschaften gestoßen. Mit zu kleinen IT-Teams, oft genug am Rande der Überforderung, ständig damit befasst, die vorhandene Struktur an neue Anforderungen anzupassen. Wahrlich keine gute Basis für ein Tribe Model. Selbst wer bereit ist, stark in einen modularen Umbau seines IT-Systems zu investieren, muss wissen: Auch während des, vermutlich jahrelangen, Transformationsprozesses, sind viele IT-Ressourcen im Bearbeiten klassischer Wasserfall-Projekte blockiert.

4. Hat Ihr Unternehmen Erfahrung mit agilem Arbeiten?

Spotify hat sein Tribe Model nicht am Reißbrett entwickelt und dann ohne Rücksicht auf Verluste über die bestehenden Strukturen gestülpt. Das Unternehmen hat sein Tribe Model über die Jahre behutsam entwickelt – Hand in Hand mit seiner Unternehmenskultur. Die Schweden haben ständig mit ihren agilen Prozessen experimentiert und dabei Stück für Stück über deren Einfluss auf andere Aspekte des Unternehmens nachgedacht: Führung, Prozesse, Unternehmenskultur. Und dafür immer wieder neue, passende Mitarbeiter an Bord geholt.

Eine weibliche Hand, die eine herzförmige Sonnenbrille mit grünen Gläsern ausgestreckt vor sich hält und Blick auf das Meer

Agilität ist mehr als meine Methode – es ist ein veränderter Blick auf die Unternehmenswelt

Von der Methode zur Haltung

Warum ich das erwähne? Weil all das in die eine, entscheidende Frage mündet: Ist Ihr Unternehmen – mit seiner Kultur, der Haltung der Mitarbeiter – schon bereit für einen so großen Schritt wie es die Implementierung des Tribe Models wäre? Oder sollten Sie sich erst auf eine agile Reise begeben? Vermutlich ja – um herauszufinden, welches agile Modell wirklich zu Ihnen passt. Denn klar ist: Spotifys Erfolg basiert nicht auf dem Tribe Model – das Tribe Model ist so erfolgreich, weil Spotify ein Umfeld entwickelt hat, in dem das Tribe Model zum Erfolg führt. Denn Agilität ist keine Methode, Agilität ist eine Haltung, in der zentrale Werte zeitgemäßer Unternehmensführung gedeihen: Kundenzentrierung, Transparenz, Autonomie, Teamverantwortung und permanente Verbesserung.



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