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Von Bildung und Big Data

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Europa-Vorstand Claudia Nemat im Gespräch mit der Internetbotschafterin der Bundesregierung Gesche Joost.

Interview-Gesche-Joost

Claudia Nemat: Frau Joost, sind wir in Deutschland eigentlich gut aufgestellt für das Thema "Bildung und Vorbereitung der jungen Generation auf die digitale Zukunft"?

Gesche Joost: Wir sind leider überhaupt nicht gut aufgestellt. Im europäischen Vergleich sind wir in Deutschland im unteren Drittel.

Ein Beispiel: In UK wurde im letzten Jahr eine große Initiative gestartet, digitale Kenntnisse komplett durch das Curriculum zu deklinieren. Also nicht nur zu sagen, die lernen ein bisschen programmieren, sondern: Wie kann digitale Bildung insgesamt gelehrt und gelernt werden? Was für neue Bildungsformate gibt es dafür? Wie kann man interaktive Grafiken nutzen? Wie kann man recherchieren im Netz? Wie kann man vernetztes Lernen integrieren? Und zusätzlich bekommt jeder Siebenjährige einen programmierbaren Minicomputer geschenkt. Der kostet nur 10 Euro aber die Schüler können damit ganz kreativ Coden lernen und erfahren in ganz frühen Jahren, wie viel Spaß und Freude das macht. Das ist für mich ein totales Vorbild.

Das sehe ich in Deutschland leider ganz wenig. Es gibt ein paar Leuchtturmprojekte, aber nichts Flächendeckendes. Und das ist nicht nur schade, sondern eigentlich auch gefährlich, wenn wir gleichzeitig sagen, wir brauchen neue junge Talente, die Digitalisierung kreativ gestalten können. Die bilden wir nicht aus in der Schule.

Claudia Nemat: Da muss ich Ihnen als Mutter von zwei kleinen Kindern leider recht geben. Aber sagen Sie mal, was müssten wir denn in Deutschland tun, um in das obere Drittel zu kommen?

Gesche Joost: Ich glaube, einerseits müssen wir großflächig anfangen, die Lehrerbildung umzustellen. Wir müssen die Schulen mit Infrastruktur versorgen. Wir müssen insgesamt eine Digitalisierungsstrategie für das Lernen und Lehren entwickeln. Das sind große Punkte, die quasi Top-down passieren müssen von politischer Seite. Aber wenn wir damit jetzt anfangen, dann ist vielleicht in zehn Jahren der Unterricht umgestellt, das heißt, viel zu spät.

Deswegen müssen wir gleichzeitig Bottom-up anfangen. Wir haben in Europa eine Woche eingerichtet, die heißt "Code Week“, also eine Woche Programmieren für Kinder und für Jugendliche in ganz Europa. Damit haben wir über 5.000 Kinder allein in Deutschland erreichen können. Es war ein totaler Erfolg in ganz Europa. Er hat gezeigt, dass es Bottom-up die besten Initiativen gibt, die wir jetzt schon nutzen können, zum Beispiel Coder-Schulen und Coda-Dojos und die OpenTechSchool und die Elterninitiative. Das Ganze ist im Netz verfügbar zum Nachmachen. So kann man von unten gleich heute anfangen und nicht erst in zehn Jahren.

Claudia Nemat: Das gefällt mir: "Do it now!“ Konkrete Ergebnisse! – Kommen wir zu einem anderen Thema: Wir Deutschen sind beim Datenschutz besonders päpstlich. Haben Sie da auch Bauchschmerzen, oder sollten wir das Thema Ihrer Meinung nach etwas lockerer angehen?

Gesche Joost: Einerseits-andererseits! Es ist ganz interessant, wenn ich in Europa unterwegs bin mit den Kollegen, den anderen Digital Champions: Die haben viel weniger Bauchschmerzen beim Datenschutz. Als ich vom NSA-Skandal gesprochen habe und gesagt habe "Was machen wir mit unserer Privatsphäre?“, da haben mich alle ein bisschen blauäugig angeguckt: "Was ist genau das Problem?“. Also, das war interessant, weil es internationale Unterscheide zeigt. Ich bin ja auch sehr deutsch, insofern verstehe ich, dass wir Datenschutz hochhalten. Das finde ich auch gut.

Andererseits ist es aber ganz wichtig, damit wir nicht die Innovationen im Bereich Big Data abwürgen, dass wir da ein angemessenes Verhältnis hinbekommen. Das heißt, streng sind in Bezug auf persönliche und individuelle Daten. Und das jeder um den Wert seiner Daten weiß und selbst entscheiden kann "Will ich damit handeln, will ich die vernetzen, oder nicht?“. Andererseits aber sollten wir die Form von Big Data, die mit anonymisierten Daten und vielen verfügbaren Daten möglich ist, von der Leine lassen und jetzt endlich damit starten, Big Data zu nutzen. Denn bisher wird nur ein ganz kleiner Prozentsatz von Big Data wirklich genutzt. Da sind so viele großartige Geschäftsmodelle möglich. Da sollten wir wirklich schneller sein, freier sein und da eben nicht regulieren.

Das heißt, wirklich differenzieren was die Privatsphäre und den Persönlichkeitsschutz angeht: Aufklärung, Schutz, auch "Privacy by default“ zum Teil einzusetzen. Aber nicht die Datennutzung generell kanalisieren und eingrenzen. Denn das würgt alles ab, was jetzt gerade so schön am Wachsen ist.

Claudia Nemat: Also, besser, wir gestalten als, wir werden gestaltet. Sie sprechen ja sehr viel mit den Digital Champions der anderen Länder. Wo sehen Sie denn in Ihrer Rolle als Digital Champion Ihren größten Handlungsbedarf?

Gesche Joost: Also, einerseits darin, die Modelle der digitalen Bildung von anderen Ländern in Deutschland zu kopieren, zum Beispiel von Dänemark oder von England.
Der zweite Punkt ist die Frage, wie man dieses Training on the Job, also die berufliche Weiterbildung, hinbekommt. Da gibt es auch in Deutschland schon ganz gute Initiativen, Smart Talents weiterzuentwickeln und das auch europäisch zu denken. Es ist, glaube ich, eine gute Idee, dass man dieses Ökosystem öffnet und sich nicht nur im Unternehmen und geschlossen um die Weiterbildung kümmert, sondern offene Plattformen stärker nutzt und E-Learning stärker einsetzt für die Basiskenntnisse und -fähigkeiten, die man braucht. Das ist auch ein europäisches Konzept, was ich sehr spannend finde.

Das Dritte ist, Industriepolitik in Richtung 5G zu implementieren, Breitbandausbau zu verbessern, zu fördern, das Internet of Things wirklich zum Laufen zu bringen. Das sind wichtige Fragestellungen, bei denen wir schauen müssen, dass wir die Idee des digitalen Binnenmarktes zum Fliegen bekommen. Wir müssen schauen, dass wir da gemeinsam schneller sind und uns nicht von den typischen Bedenkenträger bremsen lassen, die erst einmal alles noch einmal durchdiskutieren, während die Chinesen und die Amerikaner es einfach machen.

Claudia Nemat: Absolut! Also, lassen Sie uns gemeinsam vorgehen gegen die typischen Bedenkenträger. Liebe Frau Joost, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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