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Interview mit Jeremy Rifkin

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Das Redaktionsteam sprach mit Jeremy Rifkin, Bestsellerautor, Amerikanischer Ökonom und Trendanalyst.

Warum ist die Digitalisierung ein Jobkiller?

Jeremy Rifkin: Die digitale Revolution führt uns in eine immer stärker automatisierte Welt.

Und diese intelligente Welt wird bis 2040 oder 2050 von Algorithmen und jeweils nur wenigen Mitarbeitern mit Überwachungsfunktion gesteuert werden - ein hoch automatisiertes kapitalistisches System.  Bis dahin werden zwei Generationen mit hohem Arbeitskräfteeinsatz die Infrastruktur der Dritten Industriellen Revolution auf- und ausbauen. Praktisch jede Branche wird es treffen – die Strom- und Energieversorger, die Telekommunikations- und Kabelbranche, der ICT-Sektor, die Elektronikbranche, die Bau- und Immobilienwirtschaft, Verkehr und Logistik, der Produktionssektor, der Einzelhandel sowie die Bereiche Nahrungsmittel, Landwirtschaft und Biowissenschaften. Für den Aufbau dieser Infrastruktur brauchen wir viele Arbeitskräfte unterschiedlichster Qualifikation: angelernte und gelernte Arbeitskräfte, Fachkräfte und Wissensarbeiter. Glücklicherweise besteht die Generation der „Millenials“ aus „digital Natives“; sie haben die Kenntnisse und Fertigkeiten, diese intelligente Infrastruktur zu schaffen. Wenn diese Infrastruktur jedoch erst einmal etabliert ist, können automatisierte kapitalistische Netzwerke die Arbeit zu sehr niedrigen Fixkosten und sehr geringen Grenzkosten mit nur wenigen hochqualifizierten Mitarbeitern erledigen.

Welchen Rat geben Sie der nächsten Generation -  was sollen die jungen Leute aus ihrem Leben machen, welchen Beruf sollen sie wählen?

Jeremy Rifkin: Wir müssen die jungen Menschen darauf vorbereiten, achtsam und nicht nur gut informiert zu sein; sie müssen sich bewusst sein, dass jeder von uns mit der Welt um uns herum aufs engste verknüpft ist. Sie müssen sich in der Weltliteratur, Philosophie, Kulturanthropologie, Soziologie, Psychologie und den Geisteswissenschaften auskennen.  Das sind die Bereiche, in denen wir das menschliche Sein in all seinen unterschiedlichen Dimensionen kennen lernen.  Hier können wir etwas über die Entwicklungsgeschichte der Menschheit erfahren. Die beruflichen Kompetenzen, so wichtig und bedeutsam sie sein mögen, reichen nicht aus, die Zukunft der Menschheit zun gestalten, sondern es bedarf  gleichzeitig eines tiefen Verständnisses der menschlichen Natur und der sozialen Evolution unserer Spezies auf der Erde.

Manche befürworten ein bedingungsloses Grundeinkommen.  Ist das aus Ihrer Sicht eine wirtschaftliche Option für die künftige Gesellschaft?

Jeremy Rifkin: Die Leute können nicht einfach fürs Nichtstun bezahlt werden.  Die Empfehlung für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens geht auf mein Buch Das Ende der Arbeit zurück, das 1995 veröffentlicht wurde. Auch Milton Friedman hat das bedingungslose Grundeinkommen ins Gespräch gebracht. Ich habe jedoch nie gesagt, dass wir den Menschen einfach ein garantiertes Einkommen fürs Nichtstun zahlen sollen.  Menschen sind soziale Wesen.   Wir müssen einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und unserem Leben Sinn geben.  Wir bekommen nicht einfach ein garantiertes Einkommen dafür, dass wir herumsitzen und passiv konsumieren.

Schon jetzt sind wir Zeugen einer dramatischen Veränderung der Arbeitswelt - hin zu mehr Beschäftigung in der Sozialwirtschaft, im Nonprofit-Bereich, in der Zivilgesellschaft und in der Sharing Economy, dort, wo Menschen Menschen brauchen - in der Umwelt und Kultur, in der Bildung und im Gesundheitswesen, in den Geisteswissenschaften usw. Das ist der Bereich, in dem wir unsere Menschlichkeit entwickeln.  Schon heute sind 10% der bezahlten Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten im gemeinnützigen Sektor tätig, der das stärkste Wachstum ingesamt aufweist. In Europa beschäftigt der gemeinnützige Sektor in einigen Ländern schon 14% der bezahlten Arbeitskräfte. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit eine starke Veränderung sehen, von der traditionellen Marktwirtschaft hin zur Beschäftigung im Nonprofit-Bereich, in der Sozialwirtschaft und in der Sharing Economy. In dem Maße, in dem sich ein zunehmend automatisiertes kapitalistisches System entwickelt, entstehen Freiräume für mehr Beschäftigungsverhältnisse im sozialen Bereich.

Eine Gesellschaft ohne Arbeit – kann das überhaupt funktionieren?

Jeremy Rifkin: Wir hatten früher eine 60-Stunden-Woche, dann waren es 50 Stunden, dann 45 bzw. 40.  Jetzt sind wir in einigen europäischen Ländern bei 35 Stunden angekommen.  Im Zuge der immer stärkeren Automatisierung werden wir bis zum Jahr 2040 auf 30 oder sogar 25 Stunden herunter gehen. Bei allen dramatischen Produktivitätssteigerungen, die durch große technische oder wirtschaftliche Paradigmenwechsel herbeigeführt wurden, hat man immer die Wahl zwischen Personalabbau und einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit gehabt. Traditionell haben wir uns immer dafür entschieden, die Arbeitszeit zu reduzieren, sodass die Menschen sich ansonsten ihrem Privatleben widmen und in sozialen Bereichen intensiv engagieren können, um einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.  Das sind alles Möglichkeiten, die uns offen stehen.

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Experten diskutieren über die Zukunft der Digitalisierung.

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