Konzern

Klaus vom Hofe

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„Technik wird unsichtbar, ist aber immer da“

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Der eine untersucht Verbrauchertrends. Der andere hat Trends für die Telekom auf dem Radar. Im Gespräch blicken beide in die Zukunft: Professor Peter Wippermann, Trendbüro Hamburg, und Andreas Schlegel von der Strategieabteilung der Telekom. 

Eine Frau vor einem Kühlschrank mit Monitor auf der Tür.

Allein durch unsere Präsenz erhalten wir in der Zukunft Zugang zu etwas oder nicht. Ein inspirierender Gedanke der Trendforschung - übertragbar auf Drehkreuze genauso wie auf Informationen, und sicher auch auf Kühlschranktüren.

Heute geht es um unseren Alltag in, sagen wir, fünf Jahren. Was für Innovationen können wir erwarten? Aber zunächst: Wie erklären Sie diesen schwammigen Begriff?

Professor Peter Wippermann (c)Trendbüro Hamburg

Professor Wippermann: “Die Akzeptanz neuer Technologien ist mit Covid-19 so rasant gestiegen wie es normal in fünf Jahren der Fall gewesen wäre.“

Professor Peter Wippermann: Für mich ist die Akzeptanz im Alltag entscheidend. Nehmen Sie das Smartphone. Es hat sich sehr rasant durchgesetzt, so dass mittlerweile 75 Prozent aller Zehnjährigen in Deutschland so ein Gerät haben. Klar, das sorgt für Stirnrunzeln. Das hat keiner gepusht oder angeordnet, vielmehr zeigt es die sozio-kulturelle Wirkung der Technik und wie sie Bedürfnisse befriedigt. 

Andreas Schlegel: Das sehe ich ähnlich. Erfolgreiche Innovation ist, was sich aus einer Menge herauskristallisiert und dann zum Teil des Alltags vieler Menschen wird. 

Derzeit erleben wir, dass Innovationen sich schneller in den Alltag integrieren, oder? 

Wippermann: Genau. Die Akzeptanz neuer Technologien ist mit Covid-19 so rasant gestiegen wie es normal in fünf Jahren der Fall gewesen wäre. Das zeigt eine Studie von IBM. Es wird immer wahrscheinlicher, dass auch Virtual Reality, also das Eintauchen via Brille in wirklichkeitsgetreue Welten, in fünf Jahren in den Haushalten und Unternehmen angekommen sein wird. Nehmen Sie Facebook. Das Unternehmen will Treffen in virtuellen Räumen ermöglichen mit Bildqualitäten wie wir sie vom Fernsehen gewohnt sind. Aktuell sehen wir es ja an der Videotelefonie. Die gab es schon länger im privaten Bereich. Aber mit einem Mal bekam das Thema einen Schub. Beruflich in den Homeoffices genauso wie nochmal in der Freizeit, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Die Menschen lassen die neuen Technologien eher zu.

Andreas Schlegel

Andreas Schlegel: „Die Anwendungen reifen technisch nun sehr viel schneller.“

Schlegel: In der Tat haben wir im „New Normal“ gelernt, wie sehr uns das alles hilft. Wir klinken uns etwa von überall in Videomeetings mit Kolleg*innen und Freund*innen ein, vermeiden so Ansteckungsrisiken, brauchen dabei keine Masken tragen. Und gleichzeitig reifen die Anwendungen technisch nun sehr viel schneller. 

Wippermann: Die Veränderungen sind enorm. In den USA zum Beispiel ist nun - viel mehr als bei uns - ein großer Teil der Bevölkerung bereit, Gesundheitsprobleme über Videoangebote zu besprechen. In China setzen sich selbstfahrende Lieferfahrzeuge durch. Sie sind nicht neu, aber sie bringen Supermarktwaren kontaktlos zu den Menschen. Als Riesenthema entwickelt sich gerade „Touchless Technology“, also berührungslose Anwendungen. Sei es beim Bezahlen oder beim Gebäudezutritt oder bei der Identifizierung am Flughafen – es kommen immer mehr biometrische Verfahren in Spiel. Zum Beispiel die Authentifizierung über Handlinien, für die Verbraucher nur ihre Hand vor einen Scanner halten. Und genauso die Gesichtserkennung, die vor der Pandemie noch aufs Abstellgleis sollte. Auch Spracheingaben werden nun beliebter. Es ist ein unglaublicher Schub, den die Pandemie hier verleiht. 

Schlegel: Das geht ja so weit, dass Menschen sich Microchips unter die Haut pflanzen lassen, etwa um damit Haustüren zu öffnen oder ihre Smartphones zu entsperren, oder für den Falle eines Unfalls Gesundheitsdaten darüber zugänglich zu machen.

Wippermann: Fest steht: Allein mit unserer physischen und biologischen Präsenz erhalten wir Zugang zu etwas oder nicht. Das alles ist beispielhaft für eine Entwicklung, die sich immer deutlicher abzeichnet: Technik wird unsichtbar, ist aber immer da.

Stichwort Gesundheit: Immer mehr Menschen tragen smarte Geräte, so genannte Wearables, messen Herzfrequenz, Blutdruck oder sogar die Sauerstoffsättigung im Blut damit. Das sind ja auch alles sensible Daten. Wie geht das weiter? 
 
Wippermann:
Bereits 40 Prozent der Jüngeren haben sich damit ausgestattet. Die permanente Überwachung der eigenen physischen und biologischen Funktionen war früher undenkbar. Dem Unternehmen Google schwebt eine Vernetzung vieler Sensoren im Haus vor, um den Bewohnern regelmäßig mitzuteilen, ob sie ein gutes Leben führen. Ob sie genug schlafen, ob sie sich ausreichend bewegen, ob sie nicht zu viel Alkohol trinken. Oder ob sie zu viel Twitch- und YouTube-Videos konsumieren. Das klingt nach Überwachung. Aber angesichts der Erfolgsgeschichte der Wearables ist es wahrscheinlich, dass auch das in fünf Jahren für bestimmte Gruppen selbstverständlicher geworden sein wird. 

Schlegel: Wenn die Daten zielgerichtet eingesetzt werden, ist das eine gute Sache. Interessant ist die Frage, wie ein Anbieter für sich selbst die Waagschale hält. Also ob sein Geschäftsmodell mit den Gesundheitsinteressen einhergeht. Wenn ein Digitalanbieter einerseits mit Vernetzung erreichen möchte, dass die Leute gesund leben, müsste er andererseits in Kauf nehmen, dass sie andere Dienste von ihm - wie etwa seine Videoplattform - weniger nutzen. Aber das ist leider kein Automatismus. Wir beobachten auch, dass das ganze Leben oder vielmehr die Daten in der Hand von wenigen großen Konzernen liegen. Das ist nicht gut, daher begrüßen wir Überlegungen, dem Nutzer wieder Kontrolle über seine Daten zu geben und damit – Nutzereinverständnis vorausgesetzt – auch neuen Anbietern und Innovationen eine Chance zu geben.

Wippermann: Beim Stichwort Daten ist es spannend, auch in Richtung Mobilität zu schauen. In den USA sind mit Waymo bereits autonom fahrende Autos auf den Straßen unterwegs, ähnliches gilt für China. In fünf Jahren wird das auch hierzulande relevant sein und es wird sich in zehn Jahren zur Hälfte im Massenmarkt durchgesetzt haben. Die Autos werden selber bezahlen, wenn sie Energie tanken. Als rollende Wohnzimmer haben sie Entertainment an Bord. Das Aufkommen der Fahrzeuge wird koordiniert werden müssen und ist für Verkehrsplanung interessant. Es wird viele neue Möglichkeiten geben, um Geschäftsmodelle zu erweitern oder neue umzusetzen. Dabei entstehen unendlich viele Daten. Wir sehen in der Mobilität eine Entwicklung, die völlig neue Impulse gibt, nicht nur, wie wir unsere Fahrten gestalten, sondern auch unser Leben.  

Zum Schluss noch eine Frage zur Kommunikation. Wie wird sie sich entwickeln, zum Beispiel im Freundeskreis? Virtual Reality wird uns doch ermöglichen, jederzeit gemeinsam mit Freunden Museen zu besuchen, genau wie Unterwasserwelten oder die Pyramiden. Wohin geht die Reise?

Schlegel: Wenn Sie nach einem eindeutigen Reiseziel suchen, muss ich Sie enttäuschen. Wir waren auch lange davon ausgegangen, dass sich die Leute überwiegend in Echtzeit und mit Video, zum Beispiel in virtuellen Räumen, austauschen wollen. Doch zu vielen Themen und Gelegenheiten findet die Kommunikation lieber asynchron statt, also zeitversetzt über Nachrichten oder Sprachaufnahmen, über vorproduzierte Beiträge für die verschiedensten Plattformen – mit riesigem Feedback. Ganz anders also als eine Jugendclique vor zehn Jahren. Für uns als Netzbetreiber wäre es natürlich einfacher, die Technik auf eine bestimmte Kommunikationsanwendung der Zukunft auszurichten, aber so ist es längst nicht mehr.   
 
Wippermann: Wir sind soziale Wesen und wir brauchen Anerkennung. Gleichzeitig differenziert sich unsere Gesellschaft immer mehr aus und individualisiert sich. Früher holten wir uns unser Feedback in sozialen Räumen ab, im klassischen Gespräch. Das wechselt nun in die virtuelle Welt. Wir beobachten dabei in der Tat eine Entkoppelung von Feedback. Schon dass man sich Voicemails schickt und nicht mehr telefoniert zeigt ja: Die Menschen wollen ihre Beiträge besser steuern, gehen weniger emotional und spontan mit der Gesprächssituation um. Das Kommunikationsverhalten wandelt sich also tiefgreifend. Es wird immer mehr darum gehen, virtuelle Räume und Likes für sich zu erobern. 

Herr Professor Wippermann, Herr Schlegel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Peter Wippermann …
… ist einer der renommiertesten deutschen Trendforscher. Er war von 1993 bis 2016 Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. 1992 gründete er das Hamburger Trendbüro als „Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel“. 2002 hob er die Lead Academy für Mediendesign (seit 2002) aus der Taufe. Der 71-Jährige ist überdies Herausgeber des Trendmagazins „inspire“ und von „Jahr der Werbung“ (Econ Verlag). Bücher u.a.: Werte-Index 2020, Wertewandel in Deutschland, sowie „Wie kauft Deutschland übermorgen ein?“ (QVC-Zukunftsstudie 2016).

Andreas Schlegel …
… ist seit 2014 Vice President bei der Konzernstrategie der Deutschen Telekom AG. Er bewertet Trends auf ihre Bedeutung für strategische Aktivitäten des Konzerns und veröffentlicht jedes Jahr den Telekom Trendradar. Darüber hinaus treibt der 45-Jährige kontinuierlich hieraus abgeleitete strategische Projekte voran. Von 2001 bis 2014 war er bei der Strategieberatung Bain & Company, seit 2010 als Partner in der Praxisgruppe Telekommunikation, Medien und Technologie. 

 Eine geöffnete Haustür und eine Fußmatte mit dem Schriftzug „Hello“.

„Sesam öffne dich“

Die Stimme als Ausweis oder der Gang als Türöffner? Das geht.

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