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„Es könnte sein!“

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Musikexperte Mark Gotham über die Vollendung von Beethovens 10. Symphonie mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.

„Muss es sein? / Es muss sein!“ Diesen Gedanken notierte Beethoven eigenhändig auf einem seiner allerletzten großen Werke.

„Muss es sein? / Es muss sein!“ Diesen Gedanken notierte Beethoven eigenhändig auf einem seiner allerletzten großen Werke.

Heute ist ein besonderer Tag. Es fällt der offizielle Startschuss für ein spannendes, von der Deutschen Telekom gesponsertes Projekt: der Versuch, die Komposition von Beethovens unvollendeter (oder, nach anderer Lesart, kaum begonnener) 10. Symphonie zu Ende zu führen, um sie dann im Rahmen der Feierlichkeiten im Beethoven-Jahr 2020 aufzuführen. Es wird sich allerdings nicht „einfach“ ein weiterer, Beethoven-kundiger Komponist ans Werk machen. Stattdessen – und das ist das Aufsehenerregende – wird in den kompositorischen Schaffensprozess maschinelles Lernen (auch als „künstliche Intelligenz“ bezeichnet) eingebunden. Ein System, dem man ausschließlich und lückenlos die Musik, die Beethoven bekannt gewesen sein müsste, „beigebracht“ hat, soll das überlieferte Skizzenmaterial aus Beethovens Feder fortschreiben.

Es gibt gute Gründe, warum Beethoven in der Wahrnehmung der Nachwelt als ein voll auf seine Musik fokussierter, kompromissloser Visionär gilt. Dieses Bild hat sich insbesondere über gewisse Anekdoten und Zitate gefestigt. Besonders bekannt ist sein Ausspruch: „Muss es sein? / Es muss sein!“   Diesen Gedanken notierte Beethoven eigenhändig auf einem seiner allerletzten großen Werke: dem Streichquartett Nr. 16 in F-Dur, op. 135 (1826).

Es liegt hier natürlich die Frage nahe, „was“ genau denn sein „muss“. Aber wir könnten auch zurückfragen: „Muss es wirklich sein?“ Dieses Motiv greift Milan Kundera in seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins auf. Dort setzt er sich mit der Möglichkeit auseinander: „Es könnte auch anders sein“. Das mag zunächst so gar nicht zu Beethoven passen, dem Komponisten, dessen Lebensmotto doch gerade jenes „Muss sein!“ zu sein schien. Wenn uns die Niederschriften Beethovens jedoch eines lehren, dann das: In seinem kreativen Schaffensprozess erwog er Alternativen, verwarf Ideen und ging neue Wege. Es könnte eben auch anders sein.

Sich dieses Spannungsfeld bewusst zu machen, ist bei jedem Versuch, ein unfertiges Werk zu „vollenden“, absolut unentbehrlich, und das gilt vielleicht besonders für Beethovens 10. Symphonie: An diesem fast schon legendär zu nennenden Werk entzünden sich viele Vorstellungen. Nicht nur sehen sich Musikwissenschaftler immer wieder berufen, es auf herkömmliche Art zu vollenden (bzw. noch häufiger abzustreiten, dass dies überhaupt möglich ist!), sondern es zieht auch Schriftsteller, Dramatiker und andere magisch an.

Im angekündigten Projekt wird es darum gehen, auszuloten, was KI zur Entstehung eines solchen Werkes beitragen kann. Es stehen im Grunde folgende Fragen im Raum: Wozu ist KI im Bereich der maschinellen Komposition generell fähig? Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI sind vorstellbar, umsetzbar und rentabel? Wie lassen sich das vorhandene Wissen und alle verfügbaren Ressourcen bestmöglich nutzen?

Dr-Mark-Gotham

Dr. Mark Gotham

Beethovens 10. Symphonie bietet sich für diese Aufgabe als sehr geeignetes Versuchsobjekt an. Es gibt einige wenige überlieferte Skizzen, die recht zuverlässig diesem Werk zugeordnet sind. Genug, um dem Projekt ein solides Fundament zu geben, aber gleichzeitig so wenig, dass die meisten Experten der Ansicht sind, dass das Werk auf herkömmlichem Weg nicht vollendet werden kann. Der Gedanke ist reizvoll, dass ein maschinelles, lernfähiges System mit etwas menschlicher Unterstützung in der Lage sein könnte, aus wenig viel zu machen und die Schaffung von Werken wie diesem in den Bereich des Möglichen, des „Könnte sein“, zu rücken.

Die Projektziele lassen sich konkret abstecken: das Originalmaterial aus Beethovens Feder bestmöglich zu nutzen (völlig klar) und aus dem System – nachdem es umfassend und ausschließlich die Musik „gelernt“ hat, die Beethoven kannte oder gekannt haben könnte (einschließlich seiner eigenen Werke, versteht sich) – herauszuholen, was nur möglich ist. Man könnte sich dieses System als eine Art „zweiter Beethoven“ vorstellen, der im 21. Jahrhundert neue „Entwürfe“ komponiert. Das menschliche Team steht bereit und wählt aus, kuratiert, leistet Hilfestellung ... Aber es hält sich so weit wie möglich zurück – ganz so, wie es jeder gute Kopist oder Assistent eines Komponisten tun würde.

Irgendwann wird das ML-System dann in der Lage sein, alle als wichtig eingestuften Informationen aufzunehmen und direkt mit dem vollständigen musikalischen Nachlass Beethovens – sowohl Skizzen als auch fertiggestellten Werken – zu arbeiten, bis es den kompositorischen Prozess des Musikers beherrscht. Spannende neue Projekte wie Beethovens Werkstatt stellen unter Beweis, dass diese Vision zumindest in gewisser Form realisierbar ist. Es ist davon auszugehen, dass eine geeignete, strukturierte Darstellung der Daten und das erforderliche Parsing in vielleicht, grob geschätzt, 10 Jahren für Nachfolgeprojekte dieser Art zur Verfügung stehen werden.

Bis es so weit ist, gehen wir ganz klassisch vor: Es wird in den Archiven gestöbert und Quellmaterial zum Anlernen der Maschine ausgewählt. Am Anfang steht die konservative, musikwissenschaftliche Analyse der Niederschriften Beethovens, die bekanntermaßen an vielen Stellen nicht eindeutig sind.

Um zu klären, wie der Prozess im Einzelnen aussehen soll, wird das Material gesichtet und geprüft, welche Optionen es gibt.  In dieser Blog-Serie wird versucht, das Projekt und seine Fortschritte eng zu begleiten: Den Anfang macht eine Mini-Serie zum Thema „musikwissenschaftliche Darlegungen“. Es ist zu hoffen, dass diese zu einem späteren Zeitpunkt durch Beiträge zu den „datengestützten Entwicklungen“ und „rekapitulierende Gedanken zur Komposition“ ergänzt werden können.

In den „musikwissenschaftlichen Darlegungen“ berichte ich darüber, welches musikalische Material zur Verfügung steht, und erkläre die komplexe Analyse der handschriftlichen Skizzen Beethovens. Von besonderem Interesse sind dabei zwei Elemente, die uns dem Ziel der Vollendung der Komposition näherbringen: die Neuinterpretation einer bekannten Skizze und die Entdeckung einer „Pseudoskizze“. Notenbeispiele und einige musiktheoretische Fachbegriffe (Tonstufen und Intervalle, schwieriger wird es nicht) sind bei diesem Thema natürlich unentbehrlich. Aber ich werde darauf achten, dass es verständlich bleibt: Der Leser braucht weder Vorkenntnisse noch muss er selbst nachlesen!

Die-Unvollendete

Beethovens Unvollendete

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