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Stefanie Halle

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5G: Was hinter den Verschwörungstheorien steckt

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Krisenzeiten sind Blütezeiten von Verschwörungstheorien. Hinter allem vermutet man dunkle Machenschaften. Auch 5G ist ein Brennstoff für sogenanntes "Geschwurbel". Doch was steckt eigentlich hinter diesen angeblichen Theorien und wie harmlos sind sie wirklich? Wir haben mit einer Expertin gesprochen.

5G Verschwörungstheorien

Was steckt hinter Verschwörungstheorien und wie harmlos sind sie wirklich?

Eine heimliche Weltregierung hält die Menschen in einem künstlichen Dämmerschlaf. Microsoft-Gründer Bill Gates will der Weltbevölkerung Computer-Chips einsetzen. Und womöglich kann Xavier Naidoo Coronakranke gesund singen – doch auch diese Information wird von den Machthabern mutwillig unterdrückt. Es fällt leicht, solche Verschwörungstheorien als Spinnereien zu belächeln und achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen. Wer an Chemtrails glaubt, also daran, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien enthalten, die die Menschen betäuben – der kann das tun, oder? Schließlich herrscht, gottlob, Meinungsfreiheit. Doch so einfach ist es nicht.

Die Internet- und Extremismusforscherin Dr. Josephine B. Schmitt weiß, dass solche Verschwörungstheorien, die sich häufig auch um Mobilfunk und 5G drehen, alles andere als harmlos sind: „Sie dienen oft als Einfallstor für extremistische Propaganda. Und sie können bestehende Vorurteile und Ressentiments stärken. Manchen Menschen dienen sie sogar zur Legitimation für Gewaltanwendung.“ Die Expertin erklärt, was hinter den Verschwörungstheorien steckt. Und sie verrät, warum sie lieber von „Verschwörungserzählungen“ spricht.

Erzählungen statt Theorien

Jedes Mal, wenn die Telekom auf ihren Online-Kanälen über das Thema 5G berichtet, finden sich darunter viele spannende, neugierige oder kritische Kommentare. Aber auch Beiträge von Verschwörungstheoretikern sind dann unvermeidlich. Sie verlinken auf die immer gleichen Videos, die 5G als „Strahlenwaffe“ oder als „Folter durch Mikrowellenstrahlung“ bezeichnen. Josephine Schmitt kennt viele dieser Videos. Sie arbeitet als Forschungsreferentin am „Center for Advanced Internet Studies“ (CAIS) in Bochum. Und sie forscht unter anderem zu Inhalt, Verbreitung und Wirkung von Hate Speech und von extremistischer Propaganda im Internet. 

Forscherin für Internet und Verschwörungstheorien

Expertin Dr. Josephine Schmitt erläutert Hintergründe und Vorgehensweise von Verschwörungstheoretikern

Bevor sie näher auf die Videos eingeht, ist es ihr ein Anliegen, das gerade in Corona-Zeiten allgegenwärtige Wort „Verschwörungstheorien“ durch eine passendere Bezeichnung zu ersetzen: „Wir wollen nicht den wissenschaftlichen Anspruch untermauern, den die Menschen haben, die diese Videos ins Internet setzen. Theorien müssen eigentlich widerlegbar sein. Und gerade Verschwörungserzählungen sind eben gar nicht darauf angelegt, widerlegbar zu sein.“

Videos, die Angst machen sollen

Expertin Schmitt zeigt ein weit verbreitetes Video, das es klar darauf anlegt, dem Zuschauer Angst zu machen. Es geht in einem diffusen Zusammenhang mit 5G um „Schlachtfeldabtastung“ und „phasengesteuertes Gruppenantennenradar“, um „Strahlenwaffen“ und um „Folter durch Mikrowellenstrahlung“. Fazit des Sprechers: „Wir müssen alle begreifen, dass es militärische Waffen sind.“ Zum Thema 5G heißt es: „Es ist wichtig zu verstehen, was 5G macht – und was SIE sagen, was es macht.“ SIE – das sind die geheimen Strippenzieher im Hintergrund, die die Menschen kontrollieren, und die in solchen Verschwörungserzählungen immer wieder genannt werden. 

Josephine Schmitt beschreibt die Machart des Videos so: „Was wir hier sehr schön sehen können, ist einerseits die dramatische Musik, die emotional aufwühlen soll. Und das wird noch unterstrichen durch Worte wie Waffensysteme, durch eine Bedrohung von Mensch und Planet, die vermeintlich durch 5G hervorgerufen werden kann.“

Horrorfilm statt Fakten

Ein zweiter Clip behauptet: „Wir leben in einem künstlich erzeugten Bewusstseinszustand, der Schlaf sehr ähnlich ist.“ Die Macht der heimlichen Herrscher beruht demnach „auf der Auslöschung von Bewusstsein“. Die Extremismusforscherin weiß, dass dieses Video alles andere als neu ist: „Eigentlich ist das ein Ausschnitt aus einem Horrorfilm aus den 1980er Jahren, der hier aber als Dokumentation deklariert wird.“ Zum angeblich wissenschaftlichen Anspruch passt, dass ein „Direktor der Wissenschaft der New Earth Universität“ zu den Zuschauern spricht – sowohl ein Titel als auch eine Einrichtung, die beeindruckend klingen sollen, die es aber gar nicht gibt. Inhaltlich liefert der Clip keine Fakten, keine Quellen, die sich überprüfen lassen und die eine wissenschaftliche Argumentation ermöglichen. 

Stattdessen bleiben solche Videos ganz bewusst im Allgemeinen und entziehen sich damit jedem Pro und Contra: „Die Aussagen, dass Strahlen eine Bedrohung für die Biologie sind, oder dass die Biologie durch Strahlen beeinflusst wird – das ist so allgemein, dass man im Grunde keine Gegenbeweise liefern kann, um zu demonstrieren, dass das, was er gerade erzählt, gar nicht stimmen kann.“

5G Verschwörungstheorien

Theorien müssen wiederlegbar und nachprüfbar sein, um wissenschaftlichen Standards zu entsprechen

Hochjunktur für Verschwörungserzählungen

Josephine Schmitt weiß, warum diese Verschwörungstheorien, die gar keine Theorien sind, gerade jetzt, in unsicheren Krisenzeiten, beinahe allgegenwärtig sind: „Menschen haben das Bedürfnis, sich komplexe Sachverhalte simpel erklären zu wollen. Und gerade in Krisensituationen liefern diese Verschwörungserzählungen eben einfache, in sich geschlossene Erklärungen.“ Sie geben den Opfern das Gefühl, die Welt wieder besser zu verstehen und ein Stück weit die verloren gegangene Kontrolle über ihr Leben wiederzugewinnen. Hier finden die Verantwortlichen ihre Anhänger, so Schmitt: „Wenn man sowieso das Gefühl hat, ein bisschen unsicher zu sein, keine Kontrolle zu haben, oder Menschen, die über ein niedriges politisches Wissen verfügen – sie folgen solchen Erzählungen.“

So gefährlich sind die „Theorien“ 

Die Köpfe hinter den Verschwörungserzählungen nutzen ihre kruden Thesen als Einfallstor für extremistische Propaganda. Sie wollen Menschen manipulieren, Staaten destabilisieren und verfolgen oft genug handfeste wirtschaftliche Interessen. Immer öfter dient die angebliche Weltverschwörung auch dazu, Gewalt zu rechtfertigen. Denn, so schildert Extremismusforscherin Schmitt die Denkweise: „Man muss sich ja gegen diese geheimen Mächte, die im Hintergrund wirken, auch irgendwie zur Wehr setzen können.“ Und so kam es beispielsweise zur Hochphase der Covid-19-Pandemie in Großbritannien zu Anschlägen auf Mobilfunkmasten, indem diese angezündet wurden.

Und so kann man sich schützen

So absurd die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker auch sind, sind sie meist so allgemein gehalten, dass es oft schwerfällt, sie fundiert zu widerlegen. Josephine Schmitt erklärt das so: „Tatsächlich ist es sehr herausfordernd, etwas gegen Verschwörungserzählungen zu unternehmen. Man kann mit Gegenfakten und Gegenbeweisen versuchen, die Studien oder die vermeintlichen Belege, die in solchen Videos geliefert werden, zu widerlegen. Allerdings, und das ist das Gefährliche, können genau diese Gegenbeweise wieder als Beleg für das Existieren dieser Verschwörung herangezogen werden.“ 

Ihr Rat: „Was man dagegen tun kann, ist, die Verschwörungslogik zu hinterfragen. Also: Wer steckt da im Hintergrund? Woher weiß man, wer im Hintergrund steckt? Welche Quellen werden herangezogen? Welchen Anspruch haben die Quellen? Und wer verfolgt welche Ziele? Am Ende geht es eben darum, Medienkritikfähigkeit, politisches und historisches Wissen zu fördern.“ Faktencheck, sich gründlich informieren, in seriösen Medien recherchieren und vor allem auch den gesunden Menschenverstand einschalten – das sind die besten Gegenmittel, um den vermeintlichen „Theorien“ den Nährboden zu entziehen.

Das ganze Interview im Video

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Markus Jodl

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