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Markus Jodl

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Notruf mit GPS-Ortung: So rettet Mobilfunk Leben

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Seit Herbst 2019 ist die hochmoderne Mobilfunktechnik AML in der Leitstelle Freiburg im Pilotbetrieb. Ortungsdaten von Notrufen bei der 112 werden automatisch dahin übermittelt. Wir erklären, wie Mobilfunk dank AML in Deutschland Leben rettet, und das Tag für Tag.

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AML, kurz für "Advanced Mobile Location" - das Fazit nach knapp einem Jahr Testbetrieb klingt vielversprechend.

In einen Unfall verwickelt zu werden, als Zeuge oder sogar als Opfer, ist schlimm genug. Noch schlimmer wird ein Unfall oder ein medizinischer Notfall aber, wenn man ortsfremd ist und nicht genau weiß, wo man sich überhaupt befindet. Wer die 112 anruft, hört als Erstes schließlich immer die Frage: „Wo ist der Notfallort?“ Denn nur dann, wenn der Ort für den Einsatz bekannt ist, können Rettungskräfte sofort hingeschickt werden, um Hilfe zu leisten. Wenn der Notfallort zunächst unklar ist, kann das wertvolle Zeit kosten und Leben gefährden. 

Damit das nicht mehr passiert, läuft bei den rund 240 Integrierten Leitstellen (ILS) in Deutschland, die die Anrufe unter der 112 entgegennehmen, seit Herbst 2019 die sogenannte AML-Mobilfunktechnik als Pilotprojekt.

Das ist AML

Das Kürzel steht für „Advanced Mobile Location“, also für eine fortschrittliche mobile Ortung. In Deutschland ist das System zur Positionsbestimmung in Notfällen bei der ILS in Freiburg im Breisgau angesiedelt. Sie erfasst und übermittelt bundesweit die Positionsdaten der Anrufer. Selbst wer in Hamburg, Berlin oder München die 112 anruft, wird telefonisch zwar mit „seiner“ Leitstelle vor Ort verbunden. Sein Standort wird aber via Freiburg praktisch live auf den Computer des Disponenten in der lokalen Leitstelle übertragen. Rund 40.000 Ortungsdaten kommen so jeden Tag in Deutschland zusammen.

Darum ist die mobile Ortung so wichtig

Warum AML für Notfälle und für die Rettung von Leben so bedeutend ist, kann niemand besser erklären als Henning Schmidtpott von der ILS in Freiburg, der in Deutschland quasi der „Vater“ dieses Systems ist. Er verrät: „Mittlerweile kommen circa zwei Drittel der Notrufe von mobilen Geräten. Da hat in den letzten Jahren ein ganz schöner Wandel stattgefunden.“ Früher mussten Beteiligte oder Zeugen bei einem Unfall erst einmal das nächste Festnetztelefon suchen, um die 112 zu alarmieren. Über den Anschluss und dessen Nummer hat die Leitstelle dann auch automatisch den Standort erfahren. 

Beim Handy funktioniert das nicht mehr, so Henning Schmidtpott: „Die Schwierigkeit bei mobilen Notrufen ist natürlich, dass man nicht weiß, woher der Anruf kommt, und wo sich der Notrufende befindet. Und da kommt es, wenn der Anrufer nicht ortskundig ist, natürlich auch vor, dass die Notrufenden selbst nicht wissen, wo sie gerade sind.“

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"Wo ist der Notfallort?"  - dank AML-Technologie lässt sich jetzt selbst ohne Ortskenntnis die wichtigste Frage bei Notrufen beantworten.

So funktioniert AML

Seit dem Start des auf drei Jahre angelegten Pilotprojekts im Herbst 2019 übermitteln Smartphones ihre Ortungsdaten bei einem 112-Notruf an die Leitstelle. Der Anrufer muss dafür weder eine App laden, noch in Google Maps auf einen Knopf drücken. Alles funktioniert absolut automatisch, erklärt AML-Pionier Schmidtpott: „Das Tolle daran ist, dass die Notrufenden überhaupt nicht aktiv werden müssen. Man wählt einfach ganz normal die 112, wie bisher auch. Im Hintergrund schalten sich dann automatisch die Ortungsdienste an, also GPS und WLAN, und übermitteln parallel zum Notrufgespräch die Positionsdaten.“

Das funktioniert sogar dann, wenn der Handybesitzer GPS zum Akkusparen ausgeschaltet hat. Denn die Notruffunktion ist selbstständig in der Lage, für diesen Zweck die Ortung zu aktivieren.

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In der Leitstelle Freiburg laufen täglich rund 40.000 Ortsdaten aus ganz Deutschland zusammen.

Schwieriger Start in Deutschland

Henning Schmidtpott hat in enger Abstimmung mit Google und Apple selbst dafür gesorgt, dass AML in dieser Form jetzt in Deutschland zur Verfügung steht. Er erinnert sich: „Ich war im Juni 2016 auf einer Veranstaltung in Brüssel, auf der Google die Technik zur Standortbestimmung bei Notrufen vorgestellt hat. Aus Deutschland war ich der einzige Besucher. Danach habe ich direkt das Team von Google kontaktiert mit der Frage, wie wir bei uns die Technik nutzen können. In Deutschland sei das sehr schwierig bis unmöglich, war die Antwort.“

Grund ist die Vielzahl der Integrierten Leitstellen in Deutschland, die den Notruf 112 entgegennehmen. Google und Apple können in den Smartphones aber pro Land immer nur einen Endpunkt konfigurieren, an den die Daten gesendet werden. In monatelanger Arbeit entwickelten Schmidtpott und seine Kollegen das jetzige Konzept, in dem die Daten zwar immer in der ILS Freiburg ankommen, dann aber bundesweit verteilt werden. 

Mit dem Segen von Google und Apple

Die Vorbereitungen erledigte Schmidtpott ohne jegliches Zeit- und Geldbudget aus reiner Eigeninitiative: „Allein die Video- und Telefonkonferenzen mit Apple und Google mussten aufgrund der Zeitverschiebung immer nach Feierabend stattfinden. Ansonsten hätten meine Chefs dem Ganzen wahrscheinlich auch niemals zugestimmt.“

Das Konzept, erinnert sich Henning Schmidtpott, „habe ich Google präsentiert, die sofort zugestimmt haben“. Mittlerweile sind auch Apple und die deutschen Mobilfunkbetreiber wie die Telekom mit an Bord. Und nach der Zustimmung der Länder-Innenministerien und der Bundesdatenschutzkonferenz konnte das Pilotprojekt im Herbst 2019 starten. „Ich glaube, wir waren damals das elfte Land weltweit“.

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Für Henning Schmidtpott entwickelte sich das Pilotprojekt AML zu einer echten Herzensangelegenheit.

Datenschutz als oberste Priorität

Die Zustimmung von Google und Apple, sowie von Behörden und Netzbetreibern wäre ohne stimmiges Datenschutzkonzept nicht möglich gewesen. Denn gerade Notrufe sind überaus sensibel und sollten keinerlei Datenspuren hinterlassen. Henning Schmidtpott schildert, wie das gewährleistet wird: „Eine Stunde nach dem Notruf werden alle Daten wieder gelöscht. Wir haben von Anfang an Wert darauf gelegt, dass unsere Lösung datenschutzfreundlich umgesetzt wird. Wir speichern alles nur verschlüsselt. Und nach einer Stunde werden die Daten nicht mehr benötigt.“ Denn dann sind die Einsatzkräfte ja längst vor Ort. 

Wer sich trotzdem um seine Privatsphäre sorgt, kann die Übertragung der Positionsdaten in den Einstellungen seines Smartphones abschalten. Davon rät Experte Schmidtpott aber dringend ab: „Denn man weiß nie, wann die nächste Notfallsituation kommt. Und wenn ich dann tatsächlich Hilfe brauche und nicht weiß, wo ich bin – dann ist die Frage, ob ich in dieser Situation die Einstellung wiederfinde, so dass ich sie rückgängig machen kann.“ Denn Notfallsituationen bedeuten Stress. Und dann in verschachtelten Menüs die richtige Einstellung zur Übertragung von Ortungsdaten zu finden, ist alles andere als einfach.

So geht das Projekt weiter

Mittlerweile unterstützen iPhones ab iOS 11.3 und Android-Smartphones ab Android 4 die automatische Standortübermittlung per AML. Damit können auch ältere Smartphones ab den Baujahren 2013 (Apple) und 2011 (Android) zu mobilen Lebensrettern werden. Das funktioniert meist reibungslos, allerdings ist laut Henning Schmidtpott immer noch Luft nach oben: „Im Moment ist es so, dass wir diese Daten von circa 70 Prozent der mobilen Notrufe bekommen. Unter anderem von Roaming-Teilnehmern funktioniert das noch nicht, da bekommen wir noch keine Positionsdaten übermittelt. Da sind die mobilen Netzbetreiber aber auch dran, hier eine Lösung zu finden.“ 

Rund 90 Prozent der Integrierten Leitstellen in Deutschland sind mittlerweile an das System angebunden, das noch zwei Jahre lang über die ILS Freiburg läuft. Henning Schmidtpott ist optimistisch, dass nach dem Ende des Pilotprojekts eine Stelle gefunden wird, die das schon jetzt unentbehrliche System dann dauerhaft betreibt: „Ich denke, dass wir jetzt nach dem ersten Jahr schon sagen können, dass sich das bewährt hat.“ Tausende von Unfallopfern, Verletzten und akut Erkrankten können dem deutschen „Mister AML“ hier nur zustimmen.

Das ganze Interview mit Henning Schmidtpott gibt's im Video:

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Marion Kessing

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