Henning, was bedeutet das Prinzip Zirkularität für die Telekom?
Zirkularität umfasst für uns die gesamte Wertschöpfungskette vom Einkauf und Produktdesign über die Nutzung bis zur Rücknahme. Wir fragen: Welche Materialien verwenden wir? Wie langlebig, reparierbar und aufrüstbar sind unsere Produkte? Und wie können wir Geräte nach der Nutzung zurücknehmen, erneut einsetzen oder hochwertig recyceln?
Das betrifft zum Beispiel auch Smartphones oder TV-Boxen, die wir an Privatkunden verkaufen?
Ja. Wir übernehmen Verantwortung für die Geräte, die wir verkaufen und wollen möglichst viele davon zurückbekommen. Natürlich wünschen wir uns auch von den Herstellern mehr Engagement. Aber dieser Verantwortung können und wollen wir uns selbst nicht entziehen.
Und dafür habt ihr den „Telekom Circularity Score“ kurz TCS entwickelt?
Unser Ziel ist, bis 2030 bei Netzen und Geräten nahezu vollständig zirkulär zu arbeiten. Dafür mussten wir zunächst definieren, was „vollständig zirkulär“ überhaupt bedeutet und wie wir Fortschritte messen beziehungsweise Vergleichbarkeit herstellen können. Beim Klimaschutz gibt es dafür etablierte Standards. Emissionen lassen sich berechnen, Ziele festlegen und Unternehmen vergleichen. Für Zirkularität fehlte uns allerdings ein vergleichbarer Maßstab. Wir konnten also weder sagen, wie zirkulär wir insgesamt sind, noch unsere Fortschritte systematisch messen. Deshalb haben wir den TCS entwickelt.
Was macht der Score anders?
Er führt viele Einzelmaßnahmen in einem System zusammen. Recycling, Rücknahme oder Wiederverwendung gibt es in vielen Unternehmen. Was häufig fehlt, ist ein übergreifender Ansatz. Deshalb haben wir untersucht, welche Hebel für ein Telekommunikationsunternehmen wirklich entscheidend sind. Denn Zirkularität ist immer branchenspezifisch.
Was genau messt ihr?
Zum Beispiel den Umgang mit Elektroschrott, von Smartphones und Routern bis zu Switches, Mobilfunkantennen und Rechenzentrumstechnik. Unser Ziel ist, dass diese Geräte weder deponiert noch verbrannt, sondern vollständig recycelt werden. Noch wichtiger ist aber, Produkte möglichst lange zu nutzen. Jedes Gerät, das länger im Einsatz bleibt, muss nicht durch ein neues ersetzt werden. Das spart Rohstoffe, Energie und Emissionen. Deshalb messen wir unter anderem, wie viele Mobilfunk- und Festnetzgeräte wir zurückbekommen und wie viele davon wiederaufbereitet und erneut eingesetzt werden.
Der Score basiert auf 14 Kennzahlen. Wie funktioniert er?
Jede Kennzahl hat einen Ausgangswert und ein Ziel für 2030. Erreichen wir alle Ziele vollständig, liegt der Score bei 10. Bei 50 Prozent Zielerreichung läge er bei 5. Alle Kennzahlen werden gleich gewichtet. Aktuell läuft der „Null-Durchlauf“ für den gesamten Score. Während einige Kennzahlen wie zum Beispiel Abfalldaten schon länger erhoben werden, haben wir für unseren ganzheitlichen Ansatz auch neue Messgrößen bestimmt und in unsere Datensysteme hinterlegt. Damit können wir erstmals sehen, wo wir insgesamt stehen und in welchen Bereichen noch Handlungsbedarf besteht.
Wie verändert das konkret das Geschäft?
Ein gutes Beispiel ist die Geräterücknahme. Früher endete der Prozess im Wesentlichen mit dem Verkauf. Heute überlegen wir schon beim Verkauf, wie wir das Gerät später zurückbekommen. Daraus entstehen neue Modelle. Bei einem vorgezogenen Rücknahmeangebot erhalten Kunden beispielsweise beim Kauf einen Preisvorteil und geben das Gerät nach einer bestimmten Zeit zurück oder übernehmen es.
Bei eigenen Geräten könnt ihr die Lebensdauer besonders gut beeinflussen.
Genau. Langer Software- und Sicherheits-Support ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Geräte länger zu nutzen. Dabei unterstützt uns auch die EU-Regulierung, die längere Aktualisierungszeiträume vorsieht. Im Festnetz stellen wir viele Router und Repeater ohnehin im Mietmodell bereit. Sie kommen zu uns zurück, werden aufbereitet und können erneut eingesetzt werden. Das senkt den Bedarf an Neugeräten und spart Ressourcen, Emissionen und Kosten.
Ihr wollt auch beim Circularity Score über die Telekom hinausgehen. Wie reagieren andere Unternehmen?
Die Rückmeldungen aus Europa, also von unseren Wettbewerbern wie etwas Vodafone, Orange, Telefonica oder BT, sind tatsächlich sehr positiv. Viele Unternehmen suchen nach einem gemeinsamen Rahmen, der einzelne Maßnahmen in eine einheitliche Strategie überführt. Die Perspektive ist ein europäischer und vielleicht später ein globaler Standard, auf dessen Grundlage wir als Branche mit einer Stimme gegenüber der Industrie sprechen könnten.
Eine längere Nutzung von Produkten dürfte für Hersteller aber nicht immer attraktiv sein.
Natürlich kann das Auswirkungen auf die Produktion haben. Aber auch Hersteller sehen, dass sich Geschäftsmodelle verändern. Dienstleistungen, Software-Updates, Rücknahme und langfristige Kundenbeziehungen werden wichtiger. Die Automobilindustrie zeigt, wie so etwas funktionieren kann. Hersteller integrieren Leasing, Rücknahme und den Verkauf gebrauchter Fahrzeuge zunehmend in ihr Geschäftsmodell.
Ist Zirkularität für dich also mehr als ein Nachhaltigkeitsthema?
Absolut. Zirkularität stärkt auch die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten. Je länger wir Produkte nutzen und je mehr Sekundärrohstoffe im Kreislauf bleiben, desto weniger abhängig sind wir von globalen Risiken und knappen Rohstoffen. Deshalb steht das Thema auch in Brüssel weit oben auf der Agenda. Es geht längst nicht mehr nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um europäische Souveränität und den Zugang zu kritischen Rohstoffen. Zirkularität schützt Ressourcen und macht Unternehmen widerstandsfähiger. Dazu wollen wir weiterhin einen Beitrag leisten.